19. April 2026
Zitat von Eule im Beitrag #169
Erhebliche materielle Deprivation
Danke, Eule, für die aktualisierte Definition sogar auf EU-Ebene. Das ist noch ein Stück krasser als die ältere 10 Punkte Liste.
Nehmen wir sie uns doch mal Punkt für Punkt vor.
Eine materielle und soziale Entbehrung liegt vor, wenn mindestens 5 dieser Kriterien erfüllt sind.
Haushalt:- Hypotheken, Miete, Rechnungen von Versorgungsbetrieben oder Konsum-/Verbraucherkrediten rechtzeitig zu bezahlen.Auf Konsum und Verbraucherkredite sollte man sich nicht einlassen. Die "Buy now pay later" - Mentalität, die uns Kreditinstitute vor allem aber Bezahldienste wie PayPal, Klarna und andere zum eigenen Vorteil einreden wollen führt sicher zu Problemen. Aber niemand wird gezwungen sich auf einen Pakt mit dem Teufel einzulassen. Da muss man die eigenen Werte und Bedürfnisse überprüfen.
Auch auf die Rechnung von Versorgungsbetrieben hat man Einfluss. Bei Miete bzw. Hypotheken wird es etwas schwieriger. Notfalls muss man eben umziehen oder das Haus, das man gekauft hat ohne es sich leisten zu können wieder abstoßen. Es gibt in Europa viele und ausgedehnte Gebiete, in denen Grund und alte Häuser für den berühmten Appel und das Ei zu haben sind. Ich wohne ganz bewusst in einer solchen Gegend (Süd-Thüringen auf dem Lande) Mein Haus mit 9000 m² Grund hat vor 18 Jahren 13000 Euro gekostet. Wäre ich aus der Gegend gewesen und hätte Bescheid gewusst, hätte ich es auch für 8000 € bekommen, so habe ich den Wessi-Großstadt-Bonus bezahlen müssen.
Noch immer oder sogar vermehrt gibt es alte leerstehende Häuser für kleines Geld. Die sind dann zwar renovierungsbedürftig, aber wenn man das selbst macht und sich dabei nicht an Baumarkt-Schöner-Wohnen Baustil orientiert und an oberflächlichen Perfektion, dann ist das erschwinglich und macht sogar Spaß. Gut bewohnbare Häuser mit Heizung gibt es in meiner Gegend schon ab 30000 €.
- die Unterkunft angemessen warm zu haltenHat man sich dazu entschlossen aufs Land zu ziehen in eine Gegend, in der Häuser und Grund noch erschwinglich sind, dann hat man auch den Zugang zu Brennholz. Der Klimawandel produziert abgestorbene Bäume zuhauf und aus Abbruchhäusern kann man sich kostenlos ehemaliges Bauholz besorgen. Ein Ofen ist kleine Technologie, hält 30 Jahre oder länger und ist notfalls auch selbst zu bauen.
- jedes Jahr einen einwöchigen Urlaub an einem anderen Ort zu verbringen Das ist eher eine Frage der Organisation. Wenn man Haus, Garten, Pflanzen und Tiere hat, muss es jemand geben, der das versorgt, während man weg ist.
Urlaub, wie er am Schönsten ist, kostet nicht mehr als wenn man zuhause bliebe. Reisen zu Fuß oder mit dem Rad - manchmal ein Stück mit Zug oder Bus (Deutschlandticket, Euro-Rail ...) Schlafen in Schutzhütten, im Zelt oder besser Tarp, bei Gruppen und Leuten, die dazu bereit sind (da gibt es internationale Adressbücher) kann sich jeder leisten. Das schont die Umwelt und erweitert die eigene Fähigkeiten und die Gesundheit!
- jeden zweiten Tag eine Mahlzeit mit Fleisch, Fisch oder gleichwertiger Proteinzufuhr zu essenda steckt einiges an Ideologie drin. Jeden zweiten Tag Fleisch und Fisch zu essen ist Tierquälerei, belastet die Umwelt und ist nicht gesund. Erbsen, Linsen und Bohnen wachsen auch auf kargen Böden sind leicht anzubauen und billig zu kaufen. Soja kann nicht empfohlen werden.
- unerwartet anfallende Ausgaben aus eigenen Mitteln zu bestreitenDa empfiehlt sich ein kleiner Puffer. Aber ja: unverhofft kommt manchmal!
- ein Auto zu besitzen (kein Firmen-/Dienstwagen)Ich hatte nur in wenigen Phasen meines Lebens ein eigenes Auto. Manchmal gab es eines in der Gemeinschaft, in der ich lebte, einmal habe ich es wegen meiner Partnerin akzeptiert - aber meistens habe ich es nicht gebraucht. Selbst als ich in München wohnte und später schon in Thüringen bin ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu Audi nach Ingolstadt gependelt, wo ich als Softwareentwickler tätig war. ( Nein, mit dem Abgasschwindel habe ich nichts zu tun!) Vom Lichthügel aus wäre das nicht mehr täglich gegangen. Ich konnte im Home-Office arbeiten und bin alle zwei Wochen für einen Tag hingefahren.
- abgewohnte Möbel zu ersetzenmeine Möbel sind alt, solide und aus Holz. Sollte ich mal etwas Neues brauchen, so steht genug davon an den Straßenrändern und wartet auf den Sperrmüll. Was ganz Spezielles kann man sich auch selbst anfertigen.
Individuum:
- abgetragene Kleidungsstücke durch neue (nicht Second-Hand-Kleidung) zu ersetzenWas ist gegen Second-Hand einzuwenden?
- mindestens zwei Paar passende Schuhe in gutem Zustand zu besitzenja, aber das sollte zu machen sein.
- mindestens einmal im Monat mit Freunden/Familie für ein Getränk/eine Mahlzeit zusammenzukommenauch das ist eher eine Frage der Organisation und des Willens. Aber wenn das aus irgend einem Grund nicht gelingt, dann fehlt einem etwas!
eine Internetverbindung zu habenJa, aber warum steht das beim "
Individuum"? So eine Verbindung reicht auch pro Haushalt. Selbst wenn man dazu ins Internet-Cafè oder in die örtliche Bibliothek gehen müsste, wäre das in Ordnung.
Und sonst?
In Berlin waren wieder mal ein paar Tausend Haushalte ohne Strom. Die Hauptstadt scheint da recht empfindlich. Diesmal war es kein Anschlag wie im Januar. In der Ukraine fällt täglich irgendwo der Strom aus wegen der russischen Raketen und Drohnen. Erstaunlich, wie schnell die das immer wieder flicken können.
In Peking hat ein Roboter einen Halbmarathon gewonnen und war schneller als der schnellste Mensch. "Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft" lautet ein Spruch der Runners-Gemeinde. Roboter, Drohnen zu Wasser und in der Luft können das besser. Schöne neue Welt!