Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#1 von petias , 02.02.2023 11:41

Beitrag von Eule, die recherchiert, analysiert und nachgedacht hat

Jeder erinnert sich noch an die Anfangsphase der Pandemie, als plötzlich Klopapier schwer oder gar nicht mehr zu bekommen war. Über die "Sinnhaftigkeit" dieses Hypes wurde viel geschrieben, und es wurde viel damit verdient - Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.
Was wohl nur Wenigen auffiel, war eine Strategie, wie sozusagen heimlich zusätzlich daran verdient wurde, denn die Meisten nahmen die Packungen mit den 8 Rollen, ohne näher hinzuschauen, - wenn denn mal Welche zu haben waren. Wir haben in der Zeit tatsächlich nur 1 mal eine Packung gekauft, und ob sie besonders teuer war, daran erinnere ich mich nicht. Als diese Packung nun aber angebrochen wurde, fiel Folgendes auf:

1. Die Papprollen-Kerne hatten einen größeren Durchmesser als sonst, und sie waren auch etwas kürzer.

2. Auf der Packung stand, eher unauffällig und klein, dass diese Rollen jeweils 150 Blatt enthalten, statt der sonst üblichen 200.

3. Bei genauerem Hinsehen wurde auch deutlich, dass die einzelnen Blätter nicht nur schmaler als üblich waren, was ja schon der kürzere Kern zeigte, sondern auch kürzer.

Fazit: eine äußerlich identische Packung enthielt nicht nur 1/4 weniger, sondern zusätzlich auch noch kleinere Blätter, was durch die Vergrößerung des Kerns verschleiert wurde.

Das ist jetzt nur EIN weiteres Beispiel für die Strategie der Hersteller, durch Beibehalten der gewohnten Verpackung, bei gleichzeitiger Reduzierung des Inhalts, die Gewinnspanne zu erhöhen.
Und das sind wiederum nur Beispiele für einen nahezu zur Normalität gewordenen Trend, mit diversen Strategien den Kunden zu übervorteilen.

Ich gehe davon aus, dass diese Strategien inzwischen ganz offiziellen Eingang in die Ausbildung für Hersteller- und Handelsberufe gefunden hat, und ich frage mich, weshalb eine Gesellschaft sich diese zur Gewohnheit gewordene Verbrauchertäuschungsabsicht gefallen lässt.
Es ist z.B. in meinen Augen vorsätzliche Altersdiskriminierung, dass die für eine fundierte Kaufentscheidung erforderlichen Informationen grundsätzlich so klein auf die Verpackungen gedruckt werden, dass sie für auf eine Sehhilfe angewiesene Menschen, kaum oder gar nicht zu entziffern sind.

Das gilt z.B. auch für die Verwendung von Markennamen, die vor Jahrzehnten mal für hochwertige Qualität standen, inzwischen jedoch längst von Billigwaren-Produzenten aufgekauft wurden, nur um über die damit verbundenen, inzwischen falschen Assoziationen älterer Verbraucher, Umsatz zu generieren.

Vorsätzliche Verbrauchertäuschungsabsicht, wovon das nur 3 Beispiele sind, ist immer noch legal, wenn sie nicht allzu plump daher kommt (objektiv falsche Angaben). Es gibt zwar ein Gesetz gegen den "unlauteren Wettbewerb", aber das regelt nur das Verhalten der Anbieter untereinander.
Es braucht dringend ein "Gesetz gegen potentiell irreführende Werbung" das sicherstellt, dass die Verbraucher NICHT ein umfangreiches Wissen über die "Tricks" des Einzelhandels ansammeln müssen, um nicht dauernd übervorteilt zu werden.

Neben der irreführenden Werbung, die z.B. auch angebliche Sonderangebote auf der Basis von Mondpreisen oder der sog. "UVP" ganz legal verbreitet, obwohl es Viele dieser angeblich verbilligten Waren NIEMALS zu den Preisen zu kaufen gab, die nun angeblich reduziert wurden, ist das Thema "Gewinnmarge" ein weiterer Aspekt, der hinterfragt werden sollte:
Vor ein paar hundert Jahren haben Händler Waren aus fernen Ländern auf lebensgefährlichen Wegen per Schiff oder Eselskarren o.ä. "importiert". Dass sie dann am Zielort diese Waren zu einem Vielfachen des Einkaufspreises anboten, klingt für mein Empfinden durchaus gerecht.
Wenn aber heute ein Handwerker sein Material mit wenigen Mausklicks vom Hersteller oder Großhändler bestellt, dem Kunden dann für diese Mausklicks 100% Preisaufschlag auf seinen Materialeinkauf in Rechnung stellt, kann ich das nicht als gerechtfertigt empfinden.
In vielen Bereichen des Handwerks ist die Entlohnung für Arbeitszeit inzwischen weniger einträglich, als der Gewinn beim Handel mit Material. Weil Stundenlöhne transparent als Vergleichs- und Wettbewerbskriterium fungieren, die Gewinnmargen beim Material jedoch Betriebsgeheimnis bleiben, werden unwirtschaftlich niedrige Stundenlöhne berechnet, die dann der Materialverkauf gegenfinanziert.
Letztendlich wieder eine bewusste Irreführung des Verbrauchers. Dass dieses Modell voraussetzt, dass der Kunde nicht eigenes Material bereitstellt, ist klar, darum wird das mit Scheinargumenten wie angeblichem Haftungsausschluss abgelehnt. Dabei hat ein Handwerker noch nie selbst für Materialfehler gehaftet, sondern immer nur der Hersteller, und für Fehler in seiner Arbeit muss der Handwerker so oder so haften.
Konkret: wenn das Wasserrohr irgendwo undicht ist, ist es ein Materialfehler, für den der Hersteller haftet, egal wer das Rohr gekauft hat. Wenn die Rohrverbindung undicht ist, haftet der Installateur, ebenfalls unabhängig davon, wer das Rohr besorgt hat.

Weiter vorn habe ich von fehlenden gesetzlichen Regeln gesprochen, die zum Schaden des Endverbrauchers führen. Aber es gibt ebenso das Gegenteil, nämlich von Interessenverbänden den Gesetzgebern als "unverzichtbare Sicherheitsmaßnahme" nahegebrachte Vorschriften, deren Hauptzweck das Generieren von Umsätzen ist. Ich denke, Jedem wird das eine oder andere Beispiel für so eine teure Überregulierung bekannt sein.
Nur ein solches Beispiel: jedes Jahr werden Millionen von Mess- und Zählgeräten entsorgt, weil ihre "Eichfrist" (z.B. Wasserzähler 6 Jahre) abgelaufen ist, - sie also angeblich nicht mehr genau messen und zählen. Merkwürdig nur, dass die exakt gleichen Geräte in manchen Nachbarländern ein Mehrfaches dieser Zeit (Frankreich 18 Jahre, Spanien 23 Jahre) zum Messen und Zählen verwendet werden dürfen. Um objektive Notwendigkeiten geht es also offensichtlich nicht!

Letztendlich führen all diese Detailüberlegungen wieder zu dem grundsätzlichen Problem unseres (Wirtschafts-)Systems, in dem "Jeder gegen Jeden" die ursprüngliche Konzeption des Menschen als "kooperative Spezies" konterkariert, weil die ebenfalls angelegten, egoistischen Instinkte gezielt gefördert werden, was nur deshalb so gut funktioniert, weil das Leben in der anonymen Masse zum Normalzustand geworden ist, an den die Mehrheit sich gewöhnt


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RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#2 von Sukowa , 02.02.2023 19:40

Zitat von petias im Beitrag #1
und ich frage mich, weshalb eine Gesellschaft sich diese zur Gewohnheit gewordene Verbrauchertäuschungsabsicht gefallen lässt.

Meiner Ansicht nach ist das eine Folge globaler Volksverdummung und / oder globaler Oberflächlichkeit. Die Meisten merken so etwas gar nicht. Das ist allerdings nur eine Vermutung von mir bzw. ein persönliches Gefühl.


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RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#3 von Eule ( Gast ) , 05.02.2023 11:21

@Sukowa:
Vor dem Hintergrund der Beliebtheit bestimmter TV-Formate, gemessen über Einschaltquoten, sowie den Folgen von Klick-maximierenden Algorithmen im Internet, befürchte ich, Du könntest recht haben.

Eule

RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#4 von petias , 05.02.2023 14:57

Zitat von petias im Beitrag #1
Letztendlich führen all diese Detailüberlegungen wieder zu dem grundsätzlichen Problem unseres (Wirtschafts-)Systems, in dem "Jeder gegen Jeden" die ursprüngliche Konzeption des Menschen als "kooperative Spezies" konterkariert, weil die ebenfalls angelegten, egoistischen Instinkte gezielt gefördert werden, was nur deshalb so gut funktioniert, weil das Leben in der anonymen Masse zum Normalzustand geworden ist, an den die Mehrheit sich gewöhnt


Dieses Zitat ist kein Zitat von mir, obwohl das so aussieht, sondern von Eule, für die ich den Beitrag eingestellt habe. Etwas verwirrend! Ich fände es besser, wenn sich die Eule dazu entschließen könnte ihre geschätzten Beiträge selbst einzustellen. Das geht als Gast, besser wäre es noch als Mitglied. Wenn sie es nicht will, warum auch immer, mir aber gestattet es zu tun, mache ich es weiter. Ihre Beiträge sind, wie ich finde, eine Bereicherung!

Die "Überbevölkerung" kommt in dem Artikel - außer in der Überschrift - nicht explizit vor, wenn ich nicht was übersehen habe, könnte aber, was eine potentielle Lösung angeht, von entscheidender Bedeutung sein.

Was ich hier zitiere ist die Konklusion des Artikels, die Schlussfolgerung der Detailüberlegungen zu Klopapier und Wasserzähler.
Am Beispiel Klopapier wird deutlich, dass das oberste Gebot des Wirtshaft-Liberalismus (Kapitalismus) die Gewinnmaximierung ist. Wenn ich es schaffe, den Verbraucher auszutricksen, ihn hinters Licht zu führen, bin ich ein guter Verkäufer. Ein guter Verkäufer hat mir ein guter Verkäufer gesagt, ist jemand, der dem Teufel seine Großmutter verkaufen könnte und dem Bauern Mist. Aus Scheiße (Klopapier) Geld machen, ist das Geheimnis des wirtschaftlichen Erfolges.

Dazu sind alle Trixks erlaubt. "Die Geheimen Verführer" von Vance Packard im Original (The Hidden Persuaders) 1957 in den USA erschienen war das erste Buch zum Thema, das ich gelesen habe. Der Untertitel "Der Griff nach dem Unterbewussten in jedermann" deutet das Problem an. Ob die gesunden sportlichen Leute aus der Zigarettenwerbung, die Südzucker-Susi, die uns das Leben so versüßt oder die Sekundenbruchteile lange Einblendung von Wunschbildern, nicht bewusst wahrgenommen, die auf unerklärliche Weise den nächsten Einkauf beeinflussen - da wird vor gar nichts Halt gemacht. Der Erfolg zählt.


Das alles hat viel mit der The Tragedy of the Commons - Tragik der Allmende zu tun, die der verlinkte Artikel beschreibt.

Bei allen Allgemeingütern - hier das Geld des Konsumenten - findet sich immer Einer, der seinen Egoismus über das Gemeinwohl stellt. Die Anderen ziehen nach (Wenn der, warum nicht auch ich...)
Da helfen, sagt die Spieltheorie, nur strikte Regeln.

Genau das wird in dem Artikel gefordert. Es müsste Regeln geben, die Täuschungen, den Versuch, den Käufer hinters Licht zu führen, verbieten.
Das wird versucht. Der zweite Begriff, der Wasserzähler, ist Beispiel für so einen Versuch der Regulierung. Wen sollt die Regierung (in Form ihrer Bürokratie) denn anders fragen, wenn es darum geht, die Verlässlichkeit der Wasseruhren zu beurteilen, als die Hersteller...

Wenn versucht werden soll, alles bis ins Detail zu reglementieren, was nicht verboten ist, ist erlaubt, dann verstricken wir uns hoffnungslos im Vorschriftendschungel!
Allgemeinformeln wie: "Werbung, die den Käufer hinters Licht führen soll, ist verboten", führen zu endlosen Rechtsstreit - Fällen mit Diskussionen über was nun den Käufer hinters Licht führen soll, und was nicht.

Der Schlusssatz behauptet, dass die ursprüngliche "Konzeption" des Menschen als "kooperative Spezies" durch das Wirtschaftssystem konterkariert würde, das ein "Jeder gegen Jeden" bewirke, was die ebenfalls angelegten egoistischen Instinkte gezielt fördern würde.

Das wirft eine ganze Reihe von Fragen auf:
Ist die Menschheit tatsächlich als "kooperative Spezies" konzipiert? Der Blick in die Geschichte legt eher nahe, dass völlig unabhängig vom Wirtschaftssystem es ein ewiges Hauen und Stechen, Kämpfen und Beherrschen unter den Menschen gibt. Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen, aber diese soziale Ader bezieht sich erst mal auf Familienmitglieder, eingeschränkt auf den eigenen Stamm, noch weiter eingeschränkt auf die Nation. Diese Kooperation im Inneren ist fast immer abhängig von einem äußeren Feind, dem es zu widerstehen gilt. Sei es das Wetter oder der Nachbarstamm. Ob sich diese Solidarität auf die ganze Spezies ausdehnen lässt? Vielleicht, wenn die von ihr verursachten Umweltzerstörungen die ganze Spezies bedrohen - aber wenn diese Erkenntnis auch dem Letzten dämmern sollte, ist es vermutlich längst zu spät!

Dass unser liberalistisches Wirtschaftssystem den Egoismus fördert, ist unbestritten und gewollt. Wie würde denn ein Wirtschaftssystem aussehen, das dieses Problem vermeidet und im Gegensatz dazu die Kooperation befeuert?
In dem Bereich höre ich bislang nur ein paar wohlmeinende Postulate - mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Versuchen wir doch das mal zu diskutieren, denn das ist "des Pudels Kern" (Goethe: Faust)


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RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#5 von Sukowa , 05.02.2023 17:34

Zitat von petias im Beitrag #4
Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen, aber diese soziale Ader bezieht sich erst mal auf Familienmitglieder, eingeschränkt auf den eigenen Stamm, noch weiter eingeschränkt auf die Nation.

Das ist bei vielen Tierarten allerdings nicht anders. Dabei ist der Mensch doch angeblich so stolz darauf, sich von den Tieren abzuheben, vor allem im Sozialverhalten. Die, die sich wirklich sozial verhalten, bleiben allzuoft auf der Strecke.


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RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#6 von petias , 05.02.2023 18:10

Zitat von Sukowa im Beitrag #5
Das ist bei vielen Tierarten allerdings nicht anders. Dabei ist der Mensch doch angeblich so stolz darauf, sich von den Tieren abzuheben, vor allem im Sozialverhalten. Die, die sich wirklich sozial verhalten, bleiben allzuoft auf der Strecke.


hallo Sukowa,
da stimme ich zu. Die Unterscheidung zwischen Mensch und Tier, die der Mensch aufmacht, ist reichlich überheblich. Seine Fähigkeit mächtige Werkzeuge zu schaffen, was ihn zweifellos von den anderen Mitkreaturen unterscheidet, ist leider nicht gepaart mit der entsprechenden Verantwortung, die deren Umgang damit erfordern würde, gereichte diese Fähigkeit zum Nutzen für alle.

Bleibt die Frage, was denn zu tun wäre, woran es sich zu arbeiten lohnte, wollte man versuchen die Entwicklung zum Guten zu wenden. Ich wäre offen für Ideen und Theorien, aus dem philosophischen Lager, aus der Literatur oder für eure eigenen Ideen.

Was können wir tun?


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RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#7 von Eule ( Gast ) , 05.02.2023 19:39

@Petias

1
 
Die "Überbevölkerung" kommt in dem Artikel - außer in der Überschrift - nicht explizit vor, wenn ich nicht was übersehen habe, könnte aber, was eine potentielle Lösung angeht, von entscheidender Bedeutung sein.
 


"anonyme Masse" ist der Bezug zur Überbevölkerung

In einer "Urlandschaft" hätte ein Mensch auf sich allein gestellt viel schlechtere Überlebenschancen, als in einer Kleingruppe, also dem Familienverband, Stamm etc., darum "kooperative Spezies". Die Kooperation mit den Mitmenschen verbessert die Chancen.
Bei wachsender Population entstehen 2 Dinge: 1. Menschen, die "unbekannt" sind, 2. Konkurrenz um Ressourcen.
Da kommt dann die egoistische Seite zum Zug, weil affektive Bindungen fehlen, die sonst dem Egoismus entgegen wirken.
Bei größeren Gruppen wird die sog. "Sozialisation" als Korrektiv entwickelt, also Regeln, die durch soziale Kontrolle (über den Mechanismus Angst vor Isolation, Strafe) etabliert werden. So richtig gut funktioniert hat das aber noch nie, sonst gäbe es keine Kriminalität. Die aktuellen Versuche in China mit der totalen Überwachung und "Social Score" werden das Problem vielleicht mindern, aber nie ausmerzen, allein schon wegen des auch dort offensichtlichen "sozialen Gefälles", das ja explizit auf individuellen Egoismus zu Lasten der Gemeinschaft zurück geht, genau wie auch sonst überall.

Eule

RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#8 von Eule ( Gast ) , 06.02.2023 11:55

Auf Wunsch von Petias stelle ich den nachfolgenden Gedanken hier ein:

Ich halte die Lösung der vom Menschen verursachten, globalen Probleme
auf konstruktive Weise durch die Menschen für ebenso erfolgversprechend
wie den Versuch, Windows 11 auf einem Atari 400 zu installieren.
Die Tatsache, dass manche privilegierten Menschen sich Gedanken darüber
machen, wie die Menschheit sein müsste, und dabei auch zu schlüssigen
Ergebnissen kommen, ändert nichts an der Tatsache, dass die Menschen,
meist inklusive sie selbst, so NICHT SIND und NICHT SEIN WERDEN. Schönes
Beispiel gerade in allen Medien: die Flugreise der Aktivisten der
"letzten Generation". So lange in der Öffentlichkeit die
"klammheimliche" Freude über die "Inkonsequenz" von Menschen
vorherrscht, die von Anderen konsequentes Handeln verlangen (gut für's
eigene Gewissen), wie groß sind da die Chancen auf ein generelles
Umdenken UND "UMHANDELN"?

Eule

RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#9 von petias , 06.02.2023 16:37

Zitat von Gast im Beitrag #8
Ich halte die Lösung der vom Menschen verursachten, globalen Probleme
auf konstruktive Weise durch die Menschen für ebenso erfolgversprechend
wie den Versuch, Windows 11 auf einem Atari 400 zu installieren.



Der Atari 400 war der erste richtig populäre Heimcomputer und wurde von 1979 bis 1983 produziert. Von ihm und seinem größeren Bruder Atari 800 wurden ca. 2 Millionen Exemplare verkauft.

Die 4 aus Atari 400 kennzeichnete die Größe des Hauptspeichers von 4 KB. (die "00" wies ihn als Basisgerät aus)

Windows 11 wurde im Oktober 2021 eingeführt. Die Systemanforderungen:

Processor: 1 gigahertz (GHz) or faster with 2 or more cores on a compatible 64-bit processor or System on a Chip (SoC)
Memory: 4 GB RAM
Storage: 64 GB or larger storage device
System firmware: UEFI, Secure Boot capable
TPM: Trusted Platform Module (TPM) version 2.0
Graphics card: DirectX 12 compatible graphics / WDDM 2.x
Display: greater than 9" with HD Resolution (720p)
Internet connection: Microsoft account and internet connectivity required for setup for Windows 11 Home

Allein der Hauptspeicherbedarf von 4 Gigabyte bei verfügbaren 4 Kilobyte (damit ist er um 1024 * 1024 Byte zu klein) zeigt die Unmöglichkeit des Unterfangens, Windows 11 auf dem Atari 400 zu installieren.

Eule hat da einen sehr anschaulichen Punkt gemacht.

Ich bin nicht ganz so pessimistisch. Ich halte es schon für denkbar, dass es der Menschheit gelingen kann eine speziesweite Solidarität zu entwickeln angesichts der von Jahr zu Jahr immer deutlich sichtbareren Bedrohungen, die unserer Lebensweise mit sich bringt.

Die menschlichen Organisationsformen sind von den kleinen Stämmen (ähnlich Schimpansen z.B. ) über kleine Staaten zu immer größeren Staaten bis zu einigen wenigen Machtblöcken angewachsen. Gab es zur Lebenszeit von Schiller und Goethe noch unzählige kleine Fürstentümer und Grafschaften auf dem Gebiet der heutigen BRD, führte das zusammengewachsene Deutsche Reich schreckliche Kriege gegen z.B. Nachbar Frankreich, so wächst heute, wenn auch mit gelegentlichen Rückschlägen ein vereintes Europa heran, vor allem wegen des Bewusstseins, sonst im globalen Kontext hoffnungslos jede Bedeutung und den so sehr geschätzten Wohlstand zu verlieren.

Angesichts des Russlandkrieges zeigt der überwiegende Teil der "westlichen Welt" eine erstaunliche Solidarität. Bei großen Katastrophen, wie gerade in der Türkei und Syrien, gibt es sogar weltweite Solidarität.

Ich finde, das berechtigt zu der Hoffnung (was ja nicht viel ist, ganz sicher keine Gewissheit) dass im Bewusstsein der auf uns zukommenden globalen Katastrophen durch Umweltzerstörung und Klimawandel es der Menschheit gelingt zusammenzurücken und im Angesicht der Bedrohung notgedrungen an einem Strang zu ziehen.

Wie früh das gelingt und wie groß die Katastrophen sein werden, die über uns hereinbrechen, kann niemand exakt voraussehen, wie viele Menschen dabei zugrunde gehen werden, auch nicht. Aber möglicherweise gelingt es dem Rest sich und die Umwelt neu zu justieren.

Ich trage gerne mein Scherflein dazu bei.
(Ein Scherf war eine in Erfurt und anderen Städten vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert genutzte geringwertige Silber-, später auch Kupfermünze mit dem Wert von etwa einem halben Pfennig.)


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RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#10 von Eule ( Gast ) , 07.02.2023 10:02

Das EDV-Beispiel war durchaus nicht nur als Symbol für Unmöglichkeit allgemein gedacht. Der Atari hat, im Rahmen der Anwendungen, für die er entwickelt wurde, ja durchaus funktioniert. Das Problem liegt jedoch darin, dass unser "Betriebssystem" nicht für die Anforderungen ausgelegt ist, welche die erforderlichen Problemlösungsstrategien stellen.
Da helfen auch nicht die ausgefeiltesten "Apps", wenn die auf dem vorhandenen "Gerät" nicht laufen können.
Die Bevölkerungen aller Industrieländer müssten ausnahmslos drastische Einschränkungen ihres "Lebensstandards" hinnehmen, - was tatsächlich passiert sind zaghafte "Desensibilisierungs"-Strategien der Politik im Spagat zwischen Wirksamkeit und Wählerwohlwollen. "Homöopathische Dosierung" von unpopulären Maßnahmen.
Aber wenn Jemand eine Droge entwickelt und ins Trinkwasser mischt, die bewirkt, dass plötzlich Jeder jedem Menschen gegenüber so empfindet, wie gegenüber den eigenen Geschwistern, Eltern oder Kindern, DANN könnte es klappen ;-)

Eule

RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#11 von Sukowa , 07.02.2023 17:05

Zitat von petias im Beitrag #9
Ich halte es schon für denkbar, dass es der Menschheit gelingen kann eine speziesweite Solidarität zu entwickeln angesichts der von Jahr zu Jahr immer deutlich sichtbareren Bedrohungen, die unserer Lebensweise mit sich bringt.


Ich leider nicht. Das ist Theorie und ich hoffe, dass ich mich irre und dass du Recht behältst. Erleben werde ich das sicher nicht mehr.

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RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#12 von petias , 08.02.2023 09:04

Zitat von Gast im Beitrag #10
Der Atari hat, im Rahmen der Anwendungen, für die er entwickelt wurde, ja durchaus funktioniert. Das Problem liegt jedoch darin, dass unser "Betriebssystem" nicht für die Anforderungen ausgelegt ist, welche die erforderlichen Problemlösungsstrategien stellen.


Du denkst also, wir sind für Kleingruppen gemacht und können nicht global? Kann sein, dann wären wir ein missglückter Versuch der Evolution. Aber das ist noch nicht entschieden und ich gebe das nicht verloren.
Aus arroganter menschlicher Sicht zumindest, hat keine andere Spezies eine Moral, eine Vision, Religion oder Jenseitsvorstellungen. So wie es sich uns darstellt übernimmt niemand sonst im Reich des Lebendigen die Sicht von anderen, artfremdem Geschöpfen ein.
Wir tun das nur sehr bruchstückhaft und wenig konsequent, aber wir sind dazu in der Lage.
Der Mensch kann deshalb über die kleinen Grenzen seines ursprünglichen Betriebssystems hinwegschreiten, weil er in der Lage ist Geschichten, Illusionen, Konzepte für wahr zu halten und in ihnen aufzugehen. Da sind Menschen - nicht nur einzelne - bereit sich unter unsäglichen Entbehrungen und Leiden, Angst, Hunger und Kälte ihr Leben hinzugeben für Nation und Vaterland. Ein völlig theoretisches, virtuelles Konstrukt. Und das nicht, weil sie provoziert sind oder einem potentiellen Geschlechtspartner imponieren möchten, sondern aus echter Überzeugung, "Einsicht" in die Notwendigkeit, aus einem Brennen für die "gute Sache".

Der Mensch kann sich Teile seines Betriebssystems aus dem Außen herunterladen. Menschen können sich verbinden, zu abstrakten größeren Gruppen, ihre kleine schwache Kraft ins Interesse und den Dienst von Vielen stellen.

Wir sind in der Lage unsre Umwelt bis zur Zerstörung (auch von uns) zu manipulieren. Aber wir sind auch in der Lage zu abstrakten Heilslehren und lassen uns durchaus von weitläufigen Strömen mitreißen. Warum sollte das (theoretisch) sich nicht über die ganze Spezies erstrecken können.

Wir brauchen eine Agenda, für die sich genügend Menschen weltweit begeistern und die in der Lage ist viele Mitzureißen. Dann kann Neues entstehen.
Was verlieren wir, wenn wir uns den Luxus des Pessimismus und der Hoffnungslosigkeit versagen und einfach versuchen aktiv an einer neuen Welt zu bauen. Frischen Mutes mit Optimismus herangegangen kann schier unmögliches Gelingen. Probieren wir es doch einfach.

Zu denken, auch wenn ich es könnte, die anderen, die Mehrheit der Anderen schaffen das nie, ist eine allzu menschliche Hybris und auch eine Form des Narzissmus (eine Krankheit unserer Tage)!

Gestern hat mich neben ein paar anderen Büchern der Spiegel Bestseller von Rutger Bregman "Im Grunde gut - eine neue Geschichte der Menschheit" erreicht.

Der Titel lehnt sich an den von Yuval Noah Harari an, der "Eine kurze Geschichte der Menschheit" geschrieben hat. Dieser Harari, dessen Buch "Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen" mich auch sehr beeindruckt und mein Denken beeinflusst hat, schreibt zu Bergmans Buch:

"<Im Grunde gut> hat mich dazu bewegt, die Menschheit aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Ich kann es nur empfehlen."

Ich werde berichten!


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RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#13 von Eule ( Gast ) , 08.02.2023 09:55

@petias

Zitat
Zu denken, auch wenn ich es könnte, die anderen, die Mehrheit der Anderen schaffen das nie, ist eine allzu menschliche Hybris und auch eine Form des Narzissmus (eine Krankheit unserer Tage)!


Falls meine Texte den Eindruck erzeugt haben, ich würde so denken, wäre das ein Missverständnis!
Ich sehe mich keineswegs als "besser" als Andere, - vielleicht hier und da etwas "bewusster", würde mich aber ebenfalls als außerstande und auch nicht willens bezeichnen, so zu leben, wie es objektiv am besten für das Wohlergehen der Spezies wäre.
Dazu kommt ein fundamentales Misstrauen gegenüber jeder Art von "Massenbewegung" und "Herdentrieb", die Du als Konzept zur Problemlösung ansprichst, denn die setzen immer (Wort/An-)Führer voraus, die ihrereseits den Vorgaben und Schwächen des archaischen Betriebssystems unterliegen - spätestens wenn die Gefolgschaft ihnen Macht verschafft (auf Ausnahmen wie Gandhi würde ich nicht zählen), - die komkreten Beispiele aus "Weltreligionen" und Nationalismus brauche ich hier nicht aufzählen, denke ich ;-)
Aber man soll ja nie nie sagen, also will auch ich das extrem Unwahrscheinliche nicht ganz ausschließen, - allein mir fehlt der Glaube...

Eule

RE: Über Klopapier, Wasserzähler und Überbevölkerung

#14 von petias , 11.02.2023 23:51

Die schönsten und wichtigsten Ereignisse im Leben lassen sich nur vermehren, in dem man sie verschenkt: Vertrauen, Freundschaft, Frieden, Liebe

Tom Postmes, Professor für Sozialpsychologie stellt seinen Erstsemester - Studenten diese Frage:

Ein Flugzeug muss notlanden und bricht in drei Teile. Die Kabine füllt sich mir Rauch. Allen Insassen ist klar: Wir müssen hier raus. Was passiert?

Auf Planet A fragen die Insassen einander, ob es ihnen gut gehe. Personen, die Hilfe benötigen bekommen den Vortritt. Die Menschen sind bereit, ihr Leben zu opfern, auch für Fremde.

Auf Planet B kämpft jeder für sich allein. Totale Panik bricht aus. Es wird getreten und geschubst. Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen werden niedergetrampelt.

Frage: Auf welchem Planten Leben wir?

"Ungefähr 97 Prozent glauben, dass wir auf Planet B leben", sagt Postmes. "Aber tatsächlich leben wir auf Planet A."

Selbst die bekanntesten Katastrophen der Geschichte spielen sich auf Planet A ab.

Der Untergang der Titanic, im Film des Effektes wegen dramatisiert, ging nach Augenzeugenberichten ganz ohne Panic und mit gegenseitiger Hilfe vonstatten.

Am 11. September 2001 liefen Tausende Menschen geduldig die Treppen der Twin Towers hinunter, obwohl sie wussten, das ihr Leben in Gefahr war. Feuerwehrleute und Verletzte bekamen den Vortritt.
Es ist ein hartnäckiger Mythos, dass Menschen von Natur aus egoistisch, panisch und aggressiv sind.
Die meisten glauben an eine "Fassadentheorie":
Die Zivilisation ist eine dünne Fassade, die beim geringsten Anlass einstürzen würde. Die Geschichte lehrt uns aber, sagt Rutger Bregmann, das genaue Gegenteil. Wenn Bomben fallen oder Deiche brechen, kommt das Beste in uns zum Vorschein.

Er recherchiert einigen in den Medien breitgetreten Beweisen nach für egoistisches, chaotisches Verhalten und stellt fest, dass oft das genaue Gegenteil der Fall war bzw. dass erst das Eingreifen verängstigter Polizeikräfte und Truppen die Lage eskalierten.

"Wissenschaftliche Experimente" wie Probanden, die Gefängniswärter und Gefangene spielten, oder Probanden, die auf Befehl vermeintlich tödliche Stromstöße verabreichten erwiesen sich als manipuliert im Interesse der "wissenschaftlichen" Sensation.

Die reißerisch verfilmten Begebenheiten auf den Osterinseln haben sich ganz anders zugetragen, der berühmte "realistische" Roman "Herr der Fliegen" hat ein wahres Pendant, das sich völlig anders präsentierte.

Im Epilog zitiert Bregman den Filmemacher Richard Curtis:
"Wenn man einen Film über einen Mann macht, der eine Frau kidnappt und sie fünf Jahre lang an den Heizkörper kettet, was vermutlich einzigartig in der Geschichte ist, nennt man das eine gnadenlos realistische Gesellschaftsanalyse. Wenn ich einen Film wie "Tatsächlich... Liebe" mache, der von Menschen handelt, die sich verlieben, und es gibt etwa eine Million Menschen, die sich heutzutage in Großbritannien verlieben, nennt man es die sentimental Darstellung einer unrealistischen Welt."

Allein das Verfolgen der Nachrichten zeichnet schon ein völlig verzerrtes Bild der Realität. Es kommen fast nur oft künstlich aufgeputschte Sensationen darin vor. Die einfachen und guten Dinge werden nicht erwähnt.

Das sind ein paar Schlaglichter "Im Grunde gut - eine neue Geschichte der Menschheit" von Rutger Bregman

Die Annahme, der Mensch sei schlecht, gierig, korrupt, feige und chaotisch wirkt wie ein Malcebo (das Gegenteil von Placebo) und erweist sich als sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Ich denke, ein wenig Hoffnung und Vertrauen könnte nicht schaden ...

Und wenn wir uns und unseren Mitmenschen Positives zutrauen, dann lohnt es sich auf sie zuzugehen und zu versuchen, gemeinsam was zu bewirken.


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