RE: Buchbesprechung Bill Gates: Wie wir die Klimakatstrophe verhindern

#16 von petias , 30.03.2021 10:40

Wie ich Gates Buch beurteile

Die Farbenaufteilung aus der Buchbeschreibung ist ab jetzt aufgehoben"!

Der Aufstieg von Microsoft fällt in die Zeit meiner eignen EDV- Laufbahn. Ich war nach einem zweijährigen Auslandsaufenthalt mit 33 Jahren zurückgekommen und beschloss eine Umschulung zum "Organisationsprogrammierer" zu machen. In diese Zeit, 1975, fiel die Gründung von Microsoft durch Bill Gates und Paul Allen. Mit den PCs von IBM (die ersten) verbreiteten sich die Microsoft Produkte (das Betriebssystem MS-DOS einschließlich der Programmiersprache BASIC waren von Microsoft für IBM entwickelt worden), deren Anwendung ich bald unterrichtete und die mich bis heute begleiten. Microsoft und Bill Gates prägten mich bis vor wenigen Jahren beruflich und ich bin nie wirklich in das unabhängigere UNIX- Lager gewechselt, was stark mit der Politik meiner Firma zu tun hatte.

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem operativen Geschäft bei Microsoft verfolgte ich Gates Leben, soweit es öffentlich wurde. Trotz aller Kritik und einer völlig anderen eigenen Orientierung las ich gerne z.B. Berichte über sein Haus, das völlig vernetzt Gäste selbstständig empfängt und in die passenden Räume führt, Erfrischungen kredenzt...

"Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust...". Gates verkörpert die Fortsetzung meiner Zeit als Jugendlicher, in der ich mich mit dem Abonnement der Zeitschrift "Hobby" in die Verlockungen einer schönen neuen Technikwelt verirrte.

Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
die eine will sich von der andern trennen:
Die eine hält in derber Liebeslust
sich an die Welt mit klammernden Organen;
die andre hebt gewaltsam sich vom Dust
zu den Gefilden hoher Ahnen.
Johann Wolfgang von Goethe: Faust 1, Vers 1112 - 1117; Vor dem Tor.

So dramatisch wie bei Goethes Faust ist das bei mir nicht, aber nichts ist schwarz oder weiß, es gibt viele Schattierungen.

Gates hat sich als junger Mann ein Ziel gesetzt - zusammen mit Paul Allen - sie wollten jeden Haushalt mit einem PC (Personal Computer) ausstatten, und das zu einer Zeit, wo Rechensysteme noch ganze Hallen in Rechenzentren füllten. Das ist gelungen und noch eine ganze Ecke mehr!
Aber Gates begnügt sich nicht damit reich und erfolgreich zu sein. Er übernimmt Verantwortung für die Armen der Welt, die er aus Krankheit, Hunger und Not führen möchte, und ihnen ebenfalls (nicht nur den Reichen wie ihn selbst) ein erfülltes Leben ermöglichen. Dass sich das durchaus für ihn rechnet, finanziell und hinsichtlich seiner Position in der Welt, ist dabei kein Widerspruch. Er ist ein überzeugter Kapitalist, hat aus einem Garagenstartup heraus das geschaffen, was er erreicht hat, mit Ideen, Fleiß und Ausdauer, Geschick und Glück.

Man kann niemanden berechtigterweise Vorwürfe machen, wenn er mit Erfolg nach den Regeln des legal etablierten Wirtschafts- und Politiksystems spielt, in seinem Fall des Kapitalismus!

Ich halte deshalb persönliche Verteufelung des Herrn Gates für unangebracht. Er spielt nach den Regeln des Systems und tut darüber hinaus - gemäß seiner Überzeugung und Weltanschauung - auch was für die Allgemeinheit.

Darf man auch nicht Gates zurecht persönlich angreifen, so kann und muss man das System, dessen vielleicht prominentester Vertreter er ist, und dessen Instrumente er so virtuos beherrscht und zu dessen Anwalt er sich in diesem Buche macht, grundlegend hinterfragen.

Die oberste Maxime des Kapitalismus ist der persönliche Profit. Gewinnmaximierung ist Grundrecht des Individuums und Motor des Systems. Die Notwendigkeit einer gewissen Regulierung durch den Staat ist nach seiner ersten Sturm- und Drangperiode auch Gates bewusst geworden. Allerdings soll der Staat vor allem die Hindernisse aus dem Weg räumen, die der Gewinnmaximierung entgegenstehen. Gewinnen wir die Erkenntnis, dass das Brot und Buttergeschäft des Profits, die fossilen Brennstoffe, im Interesse Aller nicht mehr einfach so verwendet werden dürfen, so muss der Staat dafür sorgen, dass etwas anderes, das an deren Stelle kommt, die größeren Gewinne abwirft. Der Steuerzahler, alle Bürger, bezahlen dafür, dass die Alphatiere des Wirtschaftsliberalismus ihre Gewinne (die sie oft nicht versteuern, immer aber im Verhältnis zum Arbeiter oder Angestellten sehr viel weniger) mit Produkten und Aktivitäten erzielen, die die Menschheit nicht ganz so sehr in eine Katastrophe stürzt. Klingt etwas schräg für mich.

Auf Nationenebene sollen die Profiteure, die reicheren Staaten, die ärmeren so unterstützen, dass sie stabil bleiben. Hungersnöte, Überschwemmungen, Krankheiten, gewalttätige Auseinandersetzungen etc. bringen Unruhe in die Wirtschaftskreisläufe und mindern den Genuss der Früchte ihres Erfolges. Wer will schon Millionen Flüchtlinge an den Grenzen, die Einlass fordern und den Pöbel auf den Straßen, die um ihre Pfründe fürchten?

Man muss den Armen zugestehen, dass die Reichen sie zumindest leben lassen. So weit so gut.

Wirtschaftsliberalismus heißt, ja erfordert, dass nach neuen Ideen und Märkten gesucht wird. Gemacht wird, was möglich ist. Die Auswirkungen, wenn sie denn so augenscheinlich und bedrohlich sind, dass sie nicht mehr ignoriert werden können, werden dann behandelt, wenn es unvermeidlich wird. Eine Lösung wird sich schon finden, bisher haben wir noch für alles eine Lösung gefunden...
Aber die Probleme werden von Mal zu Mal größer und komplexer. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann wir sie nicht mehr rechtzeitig lösen können.

Produkte zu erzeugen und zu konsumieren, die ganz unvermeidlich, große Schäden anrichten werden, in der Hoffnung, dass dann schon noch irgendwas gefunden werden kann, was das Schlimmste verhindert, hat für mich den Geschmack von Lebensuntauglichkeit. Ich denke da an Gates Ambitionen zur neuen Atomkraft, an die Vergiftung der Umwelt, den Klimawandel, das Kunststoffmanagement...

"Wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe!" (Wilhelm Busch: Max und Moritz)

Da gerät z.B. die Kunststoffindustrie in Bedrängnis, weil Plastik Tiere in den entlegensten Teilen der Meere tötet, weil es eine gigantische Flut von Abfall gibt, und das Mikroplastik, Abbauprodukt der sich langsam zersetzenden Kunststoffflut, mit noch unbekannter Wirkung auch in uns Menschen eindringt. Stoffe, auf die die Evolution nicht vorbereitet ist. Was macht die Industrie? Ihre Lobbyisten erfinden zusammen mit den Regierungen diverse Umweltstempel. Recycling ist das Zauberwort. Es werden Symbole auf die künftigen Abfallteile gedruckt, die dem Verbraucher stolz und werbeträchtig verkünden, diese Verpackung ist recycelbar. Ja, im Labor, mit aufwendigen und teuren Verfahren. Aber in der Praxis? Jedenfalls wird der Verbraucher aufgefordert, den Abfall als künftigen Rohstoff in "Gelbe Säcke" zu packen (selbst aus Plastik) oder sonst irgendwie zu sammeln. Das Sammelgut wird abgeholt und - in einer Müllverbrennungsanlage mit dem Rest des brennbaren Mülls verbrannt in den meisten Fällen. In anderen Fällen wird der "Rohstoff" ins Ausland verschenkt, lange Jahre nach China. Dort wird sortiert. Ein kleiner Teil, vor allem die PET- Flaschen werden herausgesammelt, der große Rest wandert auf riesige Halden und wird dort letztlich verbrannt, wenn das Platzproblem es gebietet. China hatte so viele Umweltprobleme damit, dass es die Einfuhr gestoppt hat. Stattdessen wird das Zeug jetzt in Dritte Welt Länder verklappt, die dasselbe machen, nur noch eine Stufe primitiver und gefährlicher. Besonders Kinder kommen dabei zu Schaden, die neben den schwelenden Brandherden noch die paar Flaschen sammeln, die tatsächlich wiederverwendet werden. Man sieht in den betroffenen Landstrichen teilweise das Wasser der Flüsse nicht mehr, weil das Plastik alles bedeckt.
Wir werfen unseren Wohlstandsmüll brav in den gelben Sack und haben ein reines Gewissen. Tatsächlich geben wir das Problem dann an arme Länder weiter, die das tun, was wir aufgrund von schlechtem Gewissen vermeiden.

Die Gifte, die wir Millionen-Tonnen-weise auf die Felder sprühen, damit die ertragreich gezüchteten Nahrungspflanzen gedeihen können und Ertrag liefern in der gewünschten Menge und in der gewünschten Qualität, die der Markt erfordert, gelangen in die Pflanzen, Samen und Früchte, ins Trinkwasser und letztlich in Mensch und Tier. Die Böden gehen kaputt. Viele der Gifte sind krebserregend, machen impotent oder unfruchtbar oder lösen andere Krankheiten aus. So ganz genau ist das alles noch nicht erforscht. Reicht es da, diese Gifte (dazu zähle ich auch die synthetischen Dünger) klimaneutral mit CO2-freiem Strom zu gewinnen? Werden sie dadurch weniger giftig?

Was ist die Stufe nach den kaputten, erodierten Böden? Getreide- und Gemüsefabriken mit Nährlösungsleitungen, optimal temperiert? Das Fleisch ebenfalls in Fabriken gezüchtet?

Das Klimaproblem deckt derzeit alles zu. Aber das ist nur ein Symptom. Ein kleines Anzeichen, dass da was grundsätzlich ganz und gar schiefläuft. Ja, die Meeresspiegel steigen und einige Insulaner warten darauf ihre Heimat zu verlieren. Die Reichern Staaten werden Dämme bauen und Neubauten etwas höher gelegen planen. Die ärmeren Anrainer werden sich auf den Weg machen zu besseren Lebensräumen. Nichts neues in der Geschichte der Natur. Es wird Unwetter geben und Dürren. Aber die sind lokal. Die Menschheit wird damit leben lernen. Aber die selbstgemachten Probleme sind damit noch lange nicht gelöst.

Was ist eigentlich aus den Grenzen des Wachstuns geworden? Die Beschäftigung damit wurde auf unbestimmte Zeit verschoben! Bislang sind uns immer noch "Innovationen" eingefallen, die neue Rohstoffquellen erschossen haben. Fracking ist so eine Innovation, mit der es gelingt Erdöl und Erdgas noch aus sich erschöpfenden und abgelegenen Quellen zu quetschen, mit hohen, aber im Einzelnen noch nicht abzusehenden Schäden für die Umwelt.

Aber die (Erfolg-)Reichen dieser Erde -Elon Musks mit seiner Firma SpaceX - sind in die Raumfahrt eingestiegen. Was macht es da, wenn die Erde für die Menschen Konsumbedürfnisse als Rohstofflieferant und Abfalleimer nicht mehr ausreicht. Dass All ist sehr groß, lasst es uns nutzen!

Gates Buch ist ein Bekenntnis an dieses grenzenlose Wachstum, das dem Kapitalismus zwangsläufig innewohnt. Und es ist der unbekümmerte, blauäugige Glaube daran, dass wir immer wieder durch Innovationen in der Zukunft Lösungen finden werden, deren Probleme wir aus reiner Profitgier und Konsumlust, in der Gegenwart bedenkenlos verursacht haben. Wenn unsere Kinder was taugen, dann werden sie die Probleme, die wir verursacht haben, schon lösen können. Wozu schicken wir sie so lange auf die Schule?

Vielleicht ist das die Rolle der Menschheit in der Evolution (oder göttlichen Vorsehung?). Vielleicht müssen wir uns zu Tode erfinden, vermarkten und konsumieren, als Wegbereiter der nächsten Stufe der Evolution. Aber ich bin nicht bereit diese Rolle für mich und meinem Bild von der Menschheit einfach anzunehmen.

Was können wir tun? "Sterben!", röchelte das außerirdische Monster im Film "Independence Day" von Roland Emmerich.
Das bleibt uns immer noch. Aber lasst uns so lange etwas anderes versuchen!


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RE: Buchbesprechung Bill Gates: Wie wir die Klimakatstrophe verhindern

#17 von petias , 09.04.2021 19:08

Mein Vorschlag, was zu machen wäre

Nur zu kritisieren ist nicht genug. Wie möchte ich auf die von Gates identifizierten Klimarisiken reagieren?

Stromerzeugung
Ob die Nutzung der Elektrizität zum Segen von Mensch und Natur gereicht, finde ich nicht so einfach zu erkennen. Elektrizität in unserem Alltag gibt es erst seit wenigen Jahrzehnten. Sie hat einfach alles geändert. Sie war die Schlüsseltechnologie der Industrialisierung, und ist jetzt die künftige Schlüsseltechnologie, vorausgesetzt, sie wird CO2-neutral erzeugt, um den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe zu ermöglichen.
Ob zum Nutzen oder Schaden - nur eine weltumspannende Katastrophe und der Zusammenbruch der menschlichen Kultur (beides alles andere als undenkbar) könnte den Ausstieg aus der Stromerzeugung bewirken und das kann niemand wollen. Zudem wäre anzunehmen, dass eine künftige Kultur - egal ob menschlich oder nicht menschlich - wieder auf den elektrischen Strom stoßen würde. Ein Rückschritt oder Zusammenbruch ist demnach keine Lösung. Es geht um eine positive Fortentwicklung, die die Erfahrungen der Vergangenheit berücksichtigt.

Der entscheidende Reifeschritt der Menschheit wird sein, vom "Homo Faber" - dem Handwerker, dem Erfinder und Macher, der alles macht, was machbar ist, zum "Homo Sapiens" zu werden, dem weisen Menschen, wie wir uns bereits fälschlicherweise bezeichnen, der mit Weisheit auswählt, was von dem, was möglich ist, sinnvollerweise tatsächlich genutzt werden soll.

Von den Möglichkeiten, die zumindest aus heutiger Sicht mit der Elektrizität verbunden sind, halte ich zwei für eine sich entwickelnde Menschheit für unverzichtbar.
Beleuchtung und Kommunikation. Für beide Fälle reicht Gleichstrom mit Niedrigspannung. 12 oder 24 Volt.

Beleuchtung sollte nicht an Lagerfeuer, Kerzen oder Kienspäne gebunden sein. Eine z.B. LED- Lampe hat da, auch umwelt- und klimatechnisch, seine Vorzüge.

Die Kommunikation der Menschen über alle Landes- und Kontinent- Grenzen hinweg ist die Voraussetzung dafür, sich weltweit über gemeinsame Belange auszutauschen und zu verabreden. Gibt es keinen globalen Blick auf das Treiben der Menschen, entstehen unbemerkt lokale Gruppen mit lokalen Interessen, die sich anschicken die Nachbarn oder gar die ganze Welt zu beherrschen, wie wir das aus der Geschichte kennen.
Unser Handy- und Internet- System hat zwar bei weitem noch nicht die internationalen Gremien geschaffen, die wir für die Lösung globaler Probleme brauchen, aber ohne eine weltweites Kommunikationssystem wäre das undenkbar.

Schon für die Bereitstellung der Technik für Beleuchtung und Kommunikation wird zusätzlich Strom gebraucht und es lassen sich mit Sicherheit eine Vielzahl von sinnvollen und nützlichen Anwendungen finden, zu denen Strom sonst noch gebraucht wird und deren Betrieb nicht das Ökosystem gefährdet.
Auf wie viel Strom man sich auch einigen kann:
Er sollte umweltfreundlich, lokal und kleintechnologisch erzeugt werden. Etwas aus dem Bereich Wind, Sonne, Gezeiten, fließendes Gewässer etc. lässt sich überall finden. Gigantische Windparks an den Küsten oder Solarfarmen in der Wüste mit Unterwasser- und Überlandleitungen über tausende von Kilometern erfordert viel zu anfällige und aufwändige Großstrukturen. Stromverbraucher siedeln sich dort an, wo der benötigte Strom auch umweltfreundlich erzeugt werden kann.

Industrieproduktion(Stahl, Beton, Plastik)
Die Industrieproduktion wird drastisch reduziert. Es werden nur notwendige und sinnvolle Dinge produziert. Was das ist, legt im Idealfall ein internationales Gremium fest. (Im weniger idealen Fall eine selbsternannte autokratische Weltregierung)

Stahl: zur umweltfreundlichen Erzeugung braucht man Eisenerz, Kohle (als Zuschlag um aus Eisen Stahl zu machen ca. 1%) und Strom. Stahlwerke entstehen da, wo die Rohstoffe zur Verfügung stehen, möglichst regional auf Landkreis- oder Bundeslandebene. Der geringe Bedarf an Kohle ermöglicht eine Anlieferung aus einer Kohleregion.

Beton: der einzige kritische Bestandteil von Beton ist der Zement.
Erst 1838 entstand in Deutschland das erste Zementwerk. Bis dahin konnte man sich sehr gut ohne die äußerst umweltbelastende Produktion von Zement behelfen. Es gibt phantastische Bauwerke rund um den Globus, die alle ohne Zement gebaut wurden. Von den Pyramiden über Viadukte zum Kolosseum und dem Pantheon... .
Wie man sieht, geht es auch ohne Zement. Wem das nicht reicht, der soll was Umweltneutrales entwickeln!

Plastik: die meisten Kunststoffartikel sind unnötig und überflüssig. Die wenigen sinnvollen Dinge aus Kunststoff, die durch nichts anderes ersetzt werden können, kann man umweltbewusst herstellen und recyclen.

Landwirtschaft
Bis vor einigen Jahren war ich der Meinung, dass zu biologischem Gartenbau und biologischer Landwirtschaft Mistkompost gehört. Tierhaltung war deshalb vermeintlich unverzichtbarer Bestandteil meiner Entwürfe künftiger Bauernhöfe.
Aber da lag ich falsch. Seit ca. 10 Jahren kaufe ich das an Nahrung, was ich nicht oder nicht ausreichend selbst anbauen kann, überwiegend vom "Lebe Gesund Versand", einer urchristlichen Gemeinschaft, die unter dem Postulat des "Friedfertigen Landbaus" biologische Lebensmittel, ohne Tierleid erzeugt, vertreibt. Mittlerweile weiß ich auch von vielen anderen Landwirten weltweit, die biologische Landwirtschaft ohne Tierzucht und Zukauf tierischen Düngers betreiben. Wir können getrost auf die gigantischen Herden von Tiersklaven verzichten, die uns mit Fleisch versorgen. Eine Ausrede weniger!
In manchen kargen Regionen, hoch in den Bergen oder auf spärlichem Heideland finden Weidetiere häufig noch ihr Auskommen, wo sonst außer Gras nichts mehr wächst. Vielleicht einigt sich auch die Weltgemeinschaft darauf, dass die, die es wollen, sich ein paar Fleischmahlzeiten im Jahr, zu großen Festen etwa, gönnen dürfen. Aber die Massentierhaltung muss beendet werden. Aus klimatischen, gesundheitlichen und ethischen Gründen.
Biologisches Gemüse und Salate lassen sich auch in der Stadt, auf Balkonen und Dächern, in Hinterhöfen und Teilen von Parks anbauen. Der Hunger, selbst einer noch wachsenden Weltbevölkerung, wäre mit ein Bisschen gutem Willen kein Problem mehr!

Transport und Verkehr
Vor knapp 200 Jahren konnte man, wäre man auf den dörflichen Kirchturm gestiegen und blickte in die Weite, 97 Prozent der Ressourcen sehen, die das tägliche Leben bestimmten. Nur z.B. das Eisen, das der Dorfschmied zu Sensenblättern, Wagenreifen oder Beilen schmiedete oder das Salz, das man brauchte für die Suppe und zum Sauerkraut einstampfen, vielleicht noch ein paar seltenen Gewürze, die man sich zu Festtagen leistete, kamen von weiter her, bis gar aus dem Land, in dem der Pfeffer wächst.
Die meisten Städter zogen Gemüse oder hielten sich von den Speiseresten ein Schwein. Den Rest kauften sie auf dem Wochenmarkt, zu dem die Bauern in aller Herrgotts Frühe mit ihren Ochsenkarren ihre Produkte brachten. Mit zurück nahm man, was es auf dem Dorf nicht gab.

"Bauer mogst an Hosenknopf, Bauer brauchst a Messer?
Bauer bring dei Madl mit, d' Stodtleit kennans besser!"


Und die Bauern:

"A Hirtamadl mog i ned,
weils koane dicken Wadeln hät.
I mog a Madl aus der Stodt,
des dicke Wadln hot!

Ja, an der Stadt - Land Beziehung müsste man vielleicht noch etwas arbeiten!

Die Ochsenkarren werden durch Fahrradrikschas abgelöst, in bergiger Gegend vielleicht unterstützt durch E-Motoren. Aber sonst ist es immer noch sinnvoll z.B. das Essen und die Kleidung lokal zu erzeugen anstatt sie um den ganzen Erdball zu schippern.

Der Individualverkehr wird sich auf Fahrräder und (Sammel-) Taxis beschränken. Sonst gibt es Busse und Züge. Flugzeuge braucht man nur noch für eine "Schnelle Eingreiftruppe" bei Notfällen irgendwo auf dem Erdball oder für militärische Einsätze, sollte sich irgendeine nationale Gruppe auf der Welt gefährlich nicht an die Beschlüsse des Welt- Koordinationsrat halten.

Einige Mitglieder der lokalen Gemeinschaften sind immer auf Reisen. Sie reisen zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Zug, dem Bus oder mit dem Schiff. Eine Reise dauert von einigen Tagen in eine Nachbargemeinde bis zu einigen Jahren auch in die entlegensten Teile der Welt. Reisen bildet. Man lernt andere kennen, was die tun und wie. Mit den eigenen Leuten steht man mittels des Kommunikators (Handy) ständig in Verbindung. Hin und wieder wird ein Reisender beschließen: "Und irgendwann bleib i dann do!", aber er besucht die Heimat ab und an und bekommt von dort Besuch. Die Welt wächst kulturell zusammen. Wozu braucht es Kriege?

Eine Utopie? Was ist das? Laut Wikipedia:

"Eine Utopie ist der Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist."

Stimmt! Aber wie es ist kann es nicht bleiben und die Zukunftsvisionen von Gates sind nicht weniger utopisch. Nur, schaffen wir es damit irgendwann, die Erderwärmung zu stoppen, stehen wir längst vor dem nächsten existentiellen Problem. Wenn schon Utopie, dann gleich richtig!

Kühlen und Heizen
Kühl ist es im Schatten von Bäumen, im Wald oder in einem Felsenkeller. Einen Kühlschrank benutzen wir seit Jahren nicht mehr. Wozu auch.
Was ist im Kühlschrank, wenn alle Fleisch- und Wurstwaren, alle Milchprodukte, Milch, Eier etc. draußen sind? Gemüse und Obst gehört nicht hinein. Im Winter ist es im Vorratsraum kalt genug und im Sommer holt man es frisch aus dem Garten.
Allerdings nutzen wir derzeit noch eine Gefriertruhe. Aber wenn die mal ihren Geist aufgibt, dann soll es keine neue geben. Trocknen, einlagern, milchsauer einlegen und zur Not einkochen treten schon jetzt nach und nach an die Stelle der Gefriertruhe.

Das Heizen übernehmen bei uns Holzöfen. Das ist kein weltweites Konzept für bis zu 10 Milliarden Menschen. Neben weniger Räume heizen und mit weniger warmen Räumen auskommen lernen wird das Heizen und wo nötig auch das Lüften über Wärmetauscher erfolgen. Die Wärme kommt aus der Luft, aus dem Wasser oder der Erde. Es sind verschiedenen Systeme denkbar einige produzieren den Strom, den sie brauchen selbst.

Anpassen an die Erderwärmung
Dass es wärmer wird, ist unvermeidbar. Was wir heute an CO2 in die Luft blasen, wirkt sich teils erst in Jahrzehnten aus. Die nächsten 30 Jahre wird die Durchschnittstemperatur weltweit weiter steigen, selbst wenn es uns sofort gelänge, CO2-neutral zu leben.
Wir werden unter Unwetter leiden, frieren und schwitzen, auspumpen, sauber machen, Regenwasser sammeln und für die nächste Dürre aufheben, Schutzwälle bauen und umziehen. Die ideale Behausung ist vielleicht ein Wohnboot, das man mit einem Anhänger transportieren kann. Mehr und mehr Leute, die meisten gezwungen, manche freiwillig, führen ein Nomadenleben. Wir Menschen sind erstaunlich anpassungsfähig und bekommen das schon irgendwie hin. Ob wir was draus lernen werden?


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zuletzt bearbeitet 25.04.2021 | Top

   

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