RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#16 von petias , 29.09.2020 16:58

Geschichte auf Basis einer Zeitungsmeldung

Zeitungsmeldung:
Freies Wort Sonneberg / Neuhaus Freitag 9.6.2017

Vorbestrafter Mann entführt Zwölfjährige.
Lützen/Leipzig – Der kurze Notruf kommt aus einem Transporter. Eine Zwölfjährige meldet sich am Mittwoch bei der Leipziger Polizei, nennt ihren Namen und sagt, sie sei entführt worden. Danach bricht die Verbindung ab. Dank der Beschreibung und mit technischen Mitteln ortet die Polizei einen weißen Miettransporter auf der Autobahn 38 an der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt. Sondereinsatzkommando und Mobiles Einsatzkommando rücken aus. Die Fahnder stoppen das Fahrzeug in Lützen, nehmen den 36 Jahre alten Mann am Steuer fest und befreien das Mädchen. Der Mann ist wegen des Erwerbs und Besitzes von Kinderpornographie vorbestraft. dpa

So könnte es sich zugetragen haben:

Melanie war stinksauer auf ihre Mutter. Nichts, aber auch gar nichts will sie ihr erlauben. War sie nicht auch mal zwölf? „Klar, aber damals waren ja die Zeiten anders. Das kann man nicht mit heute vergleichen“, äffte sie die Mutter im Geiste nach.
Sie saß im MacDonalds in Leipzig/Paunsdorf und schlürft geräuschvoll die letzten Tropfen ihrer Diät Cola durch den Strohhalm.

„Sur le pont, D’Avignon“ spielte ein Cello in ihrer Schultasche. Mit geübtem Griff angelte sie nach ihrem Smartphone. Vom Display lachte ihr Freund Fred entgegen. Sie berührte das Bild und hielt sich das Telefon ans Ohr.
„Hi Süßer, was macht Dein Fest?“ Der Mann am Nachbartisch, Mitte 30, hebt den Kopf und sah zu ihr herüber.
„Nein, ich kann nicht kommen. Mama erlaubt es nicht. - Ehrlich? Ich hab‘ gehofft, das wird nichts mit dem Fest. Dann hättest Du zu mir kommen können.“
Was der „Süße“ so sagte, konnte der Mann am Nachbartisch nicht hören.
„Ja, stimmt! Mama ist bis Montag weg. Aber hey, Du weißt es. Ich bescheiß sie nicht. Außerdem ruft sie bestimmt zu Hause am Festnetz an. Kommst Du morgen nach dem Fest?“

„O.K., lieb‘ Dich auch, bis dann!“
Das Handy verschwand wieder in ihrer Tasche. Sie machte sich bereit zu gehen. Das konnte ein schöner Abend werden. Ob Angie wohl Zeit hatte. Sie hatte mit Sven Schluss gemacht. Könnte sein. Vielleicht durfte sie kommen.
Der Mann vom Nachbartisch war aufgestanden und kam auf sie zu. Um den rechten Unterarm hatte er einen Verband. So ein Plasteteil zum Umschnallen, das ihre Mama immer noch „Gipsverband“ nannte, weil sowas früher mal aus Gips war. Er humpelte ein wenig. In der linken Hand trug er einen Fotokoffer.
„Hey Du, könntest Du mir vielleicht helfen. Ich muss das Zeug raus zum Auto schaffen und bekomme das nicht alleine hin.“ Er zeigte mit dem eingebundenem Arm zu einem Trolley, der neben der Bank stand, wo er gesessen hatte. „Das wäre echt nett von Dir, ist nicht weit. Bekommst auch einen Zehner.“
Mellie musterte den „Invaliden“ aus den Augenwinkeln. „Ne, lass mal stecken! Ich bring Dir Deinen Trolley auch so.“ Damit klemmte sie sich ihre Schultasche unter den linken Arm, zog mit der rechten Hand den Griff des Gepäckstückes heraus und folgte dem Mann, der schon in Richtung Tür humpelte. Puh, war der Trolley schwer. Was hatte der denn da drin, Steine?
„Echt nett von Dir. Das ist vielleicht beschissen, so hilflos zu sein!“
Mellie wollte den Wehleider schon fragen, wie er die Sachen denn hereingebracht hatte, und warum er den Trolley nicht im Auto gelassen hatte, aber schluckte es dann runter. Das sollte hier kein großes Palaver werden. Koffer zum Auto und gut. „Jeden Tag eine gute Tat!“, hatte Papa früher immer gesagt. Er war mal bei den Pfadfindern gewesen, als er noch klein war. Papa fehlte ihr.
„So, da ist es“, sagte der Invalide. Sie waren bei einem weißen Transporter angekommen. „Hertz“ stand drauf. Ein Mietwagen also. „Warte, ich mach die Seitentür auf.“
Er drückte auf einen Knopf an seinem Schlüsselbund und es knackte in den Schlössern der drei Türen.
Mellie stellte den Trolley ab. „Na dann gute Fahrt“, wünschte sie schon im Gehen.
„Warte, der ist echt schwer. Kannst Du mir noch helfen den einzuladen?“ Umständlich versuchte der Mann, mit der unverletzten linken Hand den Koffer in den Wagen zu wuchten. Er schaffte es nicht, ihn hoch genug zu heben.
„Am besten, Du springst schnell rein und ziehst oben am Griff. Dann bekommen wir das hin.“
Melanie verzog die Mundwinkel und spielte die Schmollende. Aber dann sprang sie behände, wie um dem Umstandskramer zu zeigen wie das geht, in den Transporter und zog von oben an dem noch immer ausgezogenem Griff des Rollkoffers. Zusammen war es kein Problem. Mellie war sicher, sie hätte es auch alleine geschafft. Der Mann schloss die Seitentüre des Lieferwagens.
„Hey“, schrie sie. „Ich bin doch noch drin!“
„Ah, sorry, warte, ich hole den Schlüssel.“
Mellie versuchte, die Türe von innen zu öffnen. Es ging nicht. Inzwischen war der Mann eingestiegen und fuhr los. Mellie erschrak. Panik stieg in ihr hoch. War sie entführt worden? So ein Blödmann. Sie fing an zu schreien.
„Hey, Lady, beruhige Dich. Es ist nicht so wie es aussieht. Ich tue Dir nichts.“
Mellie schrie weiter.
„Hör doch mal! Hör zu!“ Mellie hörte auf zu schreien. Es war ohnehin keiner da, der sie hören würde.
„Ich bin in einer echt verzweifelten Lage. Ich bin Fotograf. Ich muss heute Abend ein paar Fotos mit Teenagermode abgeben. Sonst verlier ich meinen Job. Bitte hilf mir. Du bist so hübsch. Ein richtiges Model. Ich gebe Dir 500 Euro und fahr Dich auch wieder zurück. Das kann ein richtig guter Job für Dich werden. Wenn die Bilder gut werden, bekommst Du immer wieder einen Job. Wolltest Du nicht schon immer Model werden? Das wollen doch alle kleinen Mädchen!“
Mellie kreischte auf. „Du hast wohl ein Rad ab. Ich will kein Model werden, ich werde Rechtsanwältin. Und Du lässt mich jetzt raus Du Penner, sonst rufe ich die Polizei.“
Der Entführer hielt mit seinem angeblich verletztem Arm Mellies Schultasche in die Luft, um sie ihr zu zeigen. Sie hatte sie, bevor sie in das verdammte Auto gestiegen war, davor abgestellt. Der Vollpfosten musste sie mitgenommen haben. Der hatte das alles voll geplant.
Mellie hatte eine solche Wut auf den Kerl, sie kam gar nicht dazu, richtig Angst zu haben. Sie musste ganz ruhig bleiben. Jetzt bloß keine Panik! Mellie tat so, als ob sie resignieren würde, verbarg das Gesicht in ihrem Arm und fing an zu schluchzen. Der Entführer redete beruhigend auf sie ein, versicherte ihr, dass er sie wieder nach Hause fahren würde, und sie ganz bestimmt 500 Euro bekäme.

Was der Entführer nicht wusste, und was Mellie Hoffnung gab: Sie hatte noch ein zweites Handy dabei. Ein einfaches kleines pinkfarbenes Kinder-Handy. Das war ihr heiß geliebtes Telefon, bis sie das Smartphon bekommen hatte.
Weil das Smartphon so groß war, passte es nicht in die Hosentasche, und außerdem war das viel zu gefährlich. Ganz leicht hätte der Bildschirm einen Sprung bekommen können. Also verstaute sie das Teil meist in der Schultasche, oder wenn sie ausging, in einer Umhängetasche. Zweimal schon hatte sie die Tasche irgendwo vergessen und damit kein Telefon. Das geht ja gar nicht! Seitdem nahm sie zusätzlich zum Smartphon ihr altes Handy in der Hosentasche mit. Außerdem war das ihre Verbindung zu Ben. Sie kannte Ben, solange sie denken konnte. Er fehlte ihr, seit er mit seinen Eltern vor ein paar Monaten weggezogen war. Sie wollte nicht, dass sie Ben am Smartphon anrief. Manchmal schaute Freddy durch ihre Anrufliste und stellte Fragen. Der war ja sowas von eifersüchtig. Eigentlich süß, aber manchmal lästig. Wegen Ben hätte er sich auch keine Sorgen machen müssen. Der war wie ein Bruder für sie. Aber erklär das mal Freddy.
Wie sollte sie den Kotzbrocken jetzt für einen Moment loswerden, so dass sie telefonieren konnte?
Eine Weile zog sie die Heulenummer noch durch. Dann beruhigte sie sich wieder und hob den Kopf.
„Also gut“, hauchte sie. „Ich komm mit Dir mit. Aber ich bekomme wirklich das Geld, ja?“
„Klar, Ehrensache!“ Der Entführer hob die rechte Hand hoch und tat so, als ob er schwören würde.
„Aber, Du musst mir einen Gefallen tun. Ich habe gerade meine Regel bekommen. Ich brauche dringen einen Tampon. Kannst Du an einem Drogeriemarkt halten?“
„Du hast doch noch keine Regel, wie alt bist Du denn?“
„Fast 13, und meine Regel habe ich schon seit fast einem Jahr! Was hast Du denn für eine Ahnung. Hast Du Kinder?“
„Nein, Du willst doch nur abhauen!“
„Du kannst mich ja im Auto einsperren, wenn Du mir nicht glaubst. Ich will die 500 Euro!“
„Gibt‘s Tampons auch an der Tankstelle?“, fragte der angebliche Fotograf. „Bestimmt“, da vorne kommt eine.
„Also gut, aber wenn Du schreist oder klopfst oder so, dann fahre ich sofort weiter.“ Er parkte den Wagen im Sichtbereich des Tankstellenshops, aber etwas abseits von den Zapfsäulen. Eine nahe Baustelle machte entsetzlichen Lärm. Er stieg aus und sperrte den Wagen ab. Das Mädchen war im Ladebereich des Transporters eingesperrt. Durch das Stahlgitter, das den Fahrerraum vom Laderaum absperrte, kam sie nicht.
„Minis!“, rief ihm Mellie noch hinterher!
Er ging vorsichtig um das Auto und wartete eine Weile. Er lauschte, ob sich das Mädchen auch wirklich ruhig verhalten würde.
Mellie machte keinen Laut. Sie fischte ihr pinkfarbenes Girly- Handy aus der Tasche. Wen sollte sie anrufen. Am besten die 110. Dann landet sie bei der Polizei und die haben gleich ihre Nummer und können das Handy orten. Ein Glück, dass sie erst vor kurzem im Deutschunterricht über Notsituationen und die Notrufnummern gesprochen hatten. Es klingelte zweimal. „Polizeidienststelle Leipzig Süd“, meldete sich eine weibliche Stimme.
„Melanie Stolze“, Mellie versuchte sich zu konzentrieren. „Ich bin entführt worden. Ich bin in einem weißen Transporter eingesperrt. Ein Leihwagen von Hertz, „Iveco“ steht auf dem Lenkrad. Der Entführer ist kurz einkaufen. Wir sind an der Tankstelle in der Knautnaundorfer Straße. In der Nähe der Autobahn.“
„Melanie, hast Du die Autonummer?“
„Nein, sorry. Können Sie mein Handy orten? Ich muss gleich wieder auflegen. Er kommt zurück.“
„Wie sieht der Mann aus, kannst Du ihn beschreiben?“
„Er ist mittelalt, vielleicht 40. Kurze Haare, braun. Nicht sehr groß. Er humpelt und hat eine Armschiene. Das kann aber auch gefaked sein. Ich muss aufhören. Ich höre ihn zurückkommen.“ Die letzten Worte hatte Mellie nur noch geflüstert. Sie schaltet das Handy auf stumm und schob es bei stehender Verbindung wieder in die Hosentasche.
Der Entführer stieg wieder ein. „Die hatten keine Tampons, sorry! Ich besorge Dir welche, wenn wir zu Hause sind. Versprochen! Gut, dass Du brav warst. Bist ein großes Mädchen.“
Der Transporter fuhr wieder auf die Straße zurück. Kurz darauf bogen sie auf die A 38 Richtung Merseburg ein.
„Wir fahren ja auf die Autobahn“, sagte Mellie laut und deutlich. Sie hoffte, die Polizistin würde das mithören können. „Wohnst Du in Merseburg?“
„Nein, wir fahren in Lützen ab. Wir sind bald da!“
Mellie fragte ihn noch über die Bilder aus, die er machen wollte und versicherte sich, dass sie auch wirklich das versprochene Geld bekommen würde. Damit hoffte sie, den Entführer in Sicherheit zu wiegen.
Als der Wagen tatsächlich bei der Ausfahrt Lützen abfuhr, erwartete Mellie, jeden Moment eine Polizeisirene zu hören. Aber erst kurz vor dem Ortseingang Lützen wurden sie von einer Polizeistreife auf die Seite gewunken.
„Verhalte Dich absolut unauffällig, denk an die 500 Euro,“ raunte der Kidnapper ihr zu. Er hatte noch immer keinen Verdacht. Er fuhr wie gewünscht an die Seite. Hinter ihnen hielt ein BMW. Zwei Männer mit Maschinenpistolen stiegen aus und liefen auf den Wagen zu. Auch von vorne näherten sich Männer mit Maschinenpistolen. Man zwang den Fahrer auszusteigen und den Frachtraum zu öffnen. Eine Frau in Zivilkleidung klettere in den Wagen.
„Melanie?“
Endlich! – Es war vorbei!
Mellie musste mit auf die Polizeiwache kommen und eine Aussage machen. Die Beamten waren voll des Lobes, wegen ihres klugen und besonnenen Verhaltens. Trotzdem wollten sie Mellie nicht nach Hause gehen lassen. Sie bestanden darauf, ihre Mutter anzurufen. Die machte sich sofort auf den Weg. Zwei Stunden später wurde Mellie abgeholt. Sie hatte ihrer Mutter viel zu erzählen.

Tage später erfuhren sie: Der Entführer war wegen Handelns mit kinderpornographischem Material vorbestraft. Von wegen Modefotos. Der wollte ganz anderer Fotos machen und wer weiß, was er sonst noch alles vor hatte. Ob er Melanie wohl jemals wieder fortgelassen hätte? Sie würde es wohl nie erfahren, und das war auch besser so.


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#17 von petias , 30.09.2020 19:43

Geschichte zu Caspar David Friedrich „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“

Bild: Zwei Männer in Betrachtung des Mondes

Bilder sprechen zu mir. Nein, ich meine das nicht im übertragenen Sinne. Wenn ich vor einem Bild stehe, das etwas zu sagen hat, besser gesagt, wenn eine der dargestellten Figuren oder Gegenstände mir etwas sagen will, so kann ich das hören. Das kommt nicht so oft vor, wie man meinen könnte. Selbst in einer Galerie, vollgestopft mit Kunstwerken nicht. Die Bilder hängen da seit Jahrzehnten oder gar seit Jahrhunderten, und es bedarf schon einer gehörigen Portion Unruhe und eines starken inneren Antriebs, eines ausgeprägten Mitteilungsbedürfnisses des Protagonisten, um in all der Zeit nicht abzustumpfen. Die meisten Objekte von Bildern, auch die der ganz großen Werke, dämmern nur noch gelangweilt vor sich hin.
Letzten Sonntag in Dresden - ab und an fahre ich einfach mit dem Zug irgendwohin und sehe mir an, was mich interessieren könnte - besuchte ich die Galerie „Neue Meister“ im Albertinum.
Ich ließ das verblüffende bräunliche Licht in der wildromantischen Szene „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“ von Caspar David Friedrich auf mich wirken. Der Mond strahlt in einer Intensität, fast als wäre er eine Sonne. Befremdlich wirkte auf mich, dass die Betrachter sich oberhalb des Himmelskörpers befinden, nicht zu ihm auf-, sondern auf ihn hinabsehen. Und noch etwas fiel mir auf. Mondsicheln befinden sich, zumindest auf der nördlichen Halbkugel, entweder auf der rechten oder auf der linken Seite des Mondes, je nachdem ob er gerade zu- oder abnimmt. Aber doch nicht an seinem unteren Rand? Das findet man nur am Äquator. Und diese Landschaft sah mir nicht so aus, als läge sie nahe dem Äquator.
Da war es wieder: Eine Stimme meldete sich in meinen Kopf zu Wort. Sie musste von dem Bild stammen. Zunächst konnte ich nicht erkennen, wer oder was da zu mir sprach. Die Stimme klang eher dünn und zaghaft, fast ängstlich.
„Der werte Betrachter möge nicht alles glauben, was über dieses gefeierte Meisterwerk erzählt wird. Die erstaunlichsten Äußerungen der geschätzten Betrachter, die das Werk des Meisters aufmerksam mustern, dringen an mein empfängliches Gehör. Der große Zauberer Hieronymus, der Unvergleichliche, wird fälschlicherweise für den Schöpfer diese Werkes, den hochgeschätzten Maler Friedrich gehalten und mein hochverehrter Xaver gar soll sein gelehriger Schüler August Heinrich sein. Andere weise Betrachter bezeichnen die beiden doch hochzuschätzenden Männer als ‚Demagogen‘, auch wenn sich leider völlig meiner bescheidenen Kenntnis entzieht, was damit gemeint sein mag (Die Entstehung des Bildes fällt in das Jahr der „Karlsbader Beschlüsse“, die die „Demagogenverfolgung“ nach sich zogen). Nichts davon entspricht auch nur im Entferntesten der Wahrheit. Ich kann das, bei aller Bescheidenheit, mit Fug und Recht behaupten, denn ich hatte die Ehre von den ersten Anfängen bis zum traurigen, unrühmlichen Ende dabei sein zu dürfen!“
„Wer bist Du denn?“
„Du stehst direkt vor mir und blickst auf meine armselige, geschundene Gestalt. Ach, ich bin die Eiche, die Unglückliche! Sieh nur, in welch bedauernswertem, elendem Zustand ich mich befinde. Ich bin bis zum Äußersten erschöpft. Gerade noch, dass ich aufrecht stehe. Meine Wurzeln, die so stark und mächtig zu sein pflegten wie die Anker großer Schiffe, sind grausam aus der Erde gerissen. Meine einst vollkommenen Blätter, die mir Schutz und Nahrung boten, habe ich verloren. Nur die treue Freundin Fichte, die mich mit ihren starken Armen festhält, und der alte, verwitterte Felsen, an den ich mich lehnen darf, trotz seines steinernen Herzens, verhindern, dass ich umfalle und hilflos auf meiner Heimat Erde liegen muss.“
„Was ist denn geschehen? Erzähle doch. Aber langsam und von Anfang an!“

Die Eiche rang nach Fassung. Versuchte, sich zu beruhigen, was ihr nicht leicht gelingen wollte.
„Ist das nicht ein wunderschöner, ein geradezu verwunschener Platz? Ich wuchs hier, gleich da, nur ein paar Meter den Hügel hinunter, seit 147 Jahren. Es gibt nicht mehr viele Eichen, so wie einst, in diesem Teil des Waldes. Die Fichten haben die Regentschaft übernommen. Die wachsen schneller und liefern den Menschen früher das wertvolle, begehrte Holz. Ich blieb, mir erscheint es wie ein Wunder, die ganze, lange Zeit über verschont. Was für ein starker mächtiger Baum ich war! Die drückende, tonnenschwere Schneelast, die Väterchen Frost mir wie ein Mühlstein an die Äste hing, konnte mich nicht niederdrücken. Ich mochte und schätzte den Winter, den stillen, kalten, weißen Gesellen. Ich liebte gleichermaßen die prächtigen Sommer in all ihrer Fülle, wenn die Sonne helles, wärmendes Licht spendete, und meine Blätter vor Geschäftigkeit kribbelten bei all den Prozessen, die Licht und Wärme in ihnen auszulösen vermochten. Ich mochte die donnernden Gewitter, deren Sturmwind durch meine starken Äste fuhr und ich genoss die lauen Mondnächte, in denen nichts außer dem Zirpen der Grillen zu hören war. Bis dann, vor einigen Jahren, besonders in diesen lauen Mondnächten, der Xaver, ein fescher junger Bursche, immer öfter zu mir herauf gestiegen kam. Anfangs war oft eine schöne junge Frau dabei. Xaver nannte sie Dorothea, das bedeutet die, die Gott den Allmächtigen verehrt. Er erzählte ihr vom legendären verheißungsvollen El Dorado, und dass mit diesem gelobten Land voller Goldschätze in Wirklichkeit der Mond gemeint war. Deshalb konnte es auch nicht gefunden werden, das El Dorado. Aus diesem Grunde hatten sich alle die emsig Suchenden auf dem Weg dorthin hoffnungslos verirrt. Das hoch gelobte und sehnsuchtsvoll begehrte Land liegt nicht auf dieser unserer Mutter Erde. Es liegt auf Väterchen Mond. Ja, es ist der Mond. Sieh nur, wie golden der glänzt! Wenn man da hingelangen könnte. Man müsste sich nur bücken. Jeder Stein bestünde aus gediegenem purem Gold.
Die Dorothea hatte sich wohl etwas anderes erhofft, von diesen romantischen lauen Mondscheinnächten. Sie sprach von immerwährender Liebe und von Heirat und von vielen Kindern. Nicht, dass ihr der Gedanke an Gold unangenehm gewesen wäre. Aber der Mond, diese flache Scheibe da weit draußen am Himmel ein Goldklumpen? Und selbst wenn das so sein sollte, er wäre ganz und völlig unerreichbar. Sich darüber Gedanken zu machen wäre wie der Versuch, Wasser in einen geflochten Weidenkorb zu schöpfen, um es nach Hause zu tragen. Es ging nicht mehr sehr viel Zeit ins Land, bis sie nicht mehr mit dem Xaver den Weg herauf zu mir fand. Der kam dafür umso öfter, allein.
Manchmal rückten die Sterne am Himmel ein gehöriges Stück weiter auf ihrer Bahn, während er seinen sehnsuchtsvollen und forschenden Blick auf die in seinen Augen verheißungsvolle, goldene Kugel geheftet hatte. Manchmal schlief er sanft träumend ein an meinem rauen, borkigen Stamm gelehnt, um erst wieder zu erwachen, wenn die Morgenkühle unerbittlich aus dem Tal heraufkroch und besitzergreifend in seine Glieder fuhr. Manchmal besuchte er mich schon zu einer Zeit, zu der die Sonne noch hoch am Himmel stand. Er hatte dann ein Buch dabei mal dick, mal dünn und verbrachte die Zeit bis zum Erscheinen des goldenen Mondes – oder zumindest bis es Nacht war und er nichts mehr sehen konnte – damit, zu lesen. Vermutlich waren es Geschichten von El Dorado, oder vom Mond, oder vom Mann im Mond oder wie eine Reise zum Mond wohl zu bewerkstelligen wäre. Am liebsten war es mir, wenn er diesen ausgehöhlten Baumstumpf bespannt mit Darmsaiten mitbrachte, den er Laute nannte. Er spielte und sang dann wunderschöne Lieder von Liebe, von Gold und vom Mond.
Ich fühlte mich wohlig erfüllt und behaglich zufrieden, wenn Xaver mir nahe war. Und ich wartete ungeduldig, bis er endlich kommen würde, wenn er fern von mir war. Die Bäume um mich herum hatten wenig Verständnis für meine tiefen und sehnsüchtigen Gefühle.“
Die Eiche machte eine Pause. Sie schien ganz in der Erinnerung versunken.
„Und wie bist Du in diese Lage gekommen?“, fragte ich ungeduldig. Dabei hatte ich sie doch selbst darum gebeten, die Geschichte ganz langsam und von Anfang an zu erzählen.
Aber der stark mitgenommene Baum ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Nach einer Weile entledigte sich die Eiche eines tiefen Seufzers und fuhr fort:
„Und dann kam ein Mann, sein Gesicht war wettergegerbt, von tiefen Furchen wie von Gräben durchzogen und sein Umhang wehte im Wind. Xaver nannte ihn Onkel Hieronymus. Hieronymus war ein mächtiger Zauberer! Er war in jungen Jahren selbst auf der Suche nach dem unvergleichlichen El Dorado gewesen, hatte die ganze Welt bereist um es zu finden. Im fernen China hatte er Gleichgesinnte getroffen, die versuchten Gold zu machen. Mit geheimnisvollen Mixturen und mit unheimlichen Zaubersprüchen. Es gelang ihnen nicht, Gold zu machen. Keines der Stoffe, die sie gebaren, war goldenen glänzend. Aber einige der Zaubersprüche erwiesen sich auf andere Weise als wirkungsvoll, wenn auch auf anderer Weise, als eigentlich beabsichtigt. Im Schwarzwald ging er schließlich bei einer bekannten Hexe in die Lehre. Von der hatte er seinen mächtigen, ehrfurchtgebietenden Zauberstab erhalten, ein Stück aus dem Fleisch einer Esche, den er, als einfachen Spazierstock eines alten Mannes getarnt, immer bei sich trug. El Dorado aber hatte er nicht finden können. ‚Weil es nicht auf der Erde ist‘, erklärte ihm Xaver. ‚Schau doch nur, das ist El Dorado, der Mond ist es!‘
Nach und nach gelang es Xaver, beim Onkel wieder das alte lodernde Goldgräberfieber zu entfachen. Er las in ehrwürdigen alten Zauberbüchern, wie man es wohl bewerkstelligen könnte, zum Mond zu gelangen. Und oh Wunder, eines Abends, als sie sich wieder bei mir versammelten, hatte er eine verheißungsvolle Lösung ausfindig gemacht. Er hatte einen geheimen Zauberspruch gefunden, mit dem ein nicht menschliches Lebewesen dazu gebracht werden konnte, den Zauberer und seine Begleiter an jeden gewünschten Ort zu tragen. Fieberhaft überlegten die beiden, was für ein Wesen wohl dazu geeignet wäre, zwei Männer so weit tragen zu können. Ein Elefant, oder ein Nashorn? Aber musste es denn ein Tier sein? Wenn ein Baum seine Wurzeln als Füße gebrauchen könnte, sie mit seinen Ästen wie mit Armen festhalten würde, was wäre das für ein mächtiger Träger! Schnell fiel ihr Blick auf mich. Sie fanden mich für ihr Vorhaben geradezu ideal!
‚Da gibt es nur ein Problem‘, der Zauberer machte ein bedenkliches Gesicht. Das Wesen muss von sich aus bereit dazu sein. ‚Es kann nicht gezwungen werden‘.
Der Zauberer stellte sich vor mich hin, nahm seine Hände an den Kopf, schloss die Augen und ließ seine Gedanken in meine Aura eindringen, wie der Frost in kalten Winternächten in meine Rinde drang,
Ich wollte so sehr Xavers Wunsch nach seinem El Dorado erfüllen, dass ich zustimmte, ohne auch nur im Entferntesten zu ahnen, was da auf mich zukommen würde. Die Vorstellung, ich, festgewurzelt, die nie jemals diesen Platz hatte verlassen können, würde Xaver und den Zauberer in weit entfernte Gefilde tragen, berauschte mich geradezu mit süsser Glückseligkeit.
Die Männer waren ganz aus dem Häuschen. Sie wollten noch ein paar Vorbereitungen treffen, und schon für den nächsten Tag verabredeten sie sich zu einem hoffnungsvollen Versuch. Ich war genau so aufgeregt und gespannt wie sie.
Am nächsten Abend kamen sie schon recht früh zu mir heraufgestiegen. Schnell und behände, nicht wie sonst, gemächlich einen Fuß vor den anderen setzend, fein für die Reise zurechtgemacht, mit etwas Proviant ausgestattet, stellten sie sich vor mich hin und Hieronymus schwang seinen Zauberstab und rief mit fester lauter Stimme:

‚Zaubermächte strömt herbei
ergreifet diesen tapfren Baum
seine Wurzeln brechet frei
zu überwinden Zeit und Raum.

Uns zwei Männer soll er tragen
halten uns mit dem Geäst
Lass uns diese Reise wagen
Er, der Träger, wir die Gäst
Verleiht ihm Leichtigkeit und Kraft
dass er die unerhörte Reise
bis ganz hinauf zum Monde schafft
auf mächt‘ge, zauberhafte Weise.

Ergreif uns Baum, du edles Wesen
wenn Du zu dieser Tat bereit
schon lange ist es Wunsch gewesen
nun wird er wahr, jetzt ist die Zeit‘

Nach einem letzten mächtigen Schwung zeigte die Spitze des Zauberstabes auf mich und ich wurde von einer unglaublichen Kraft und einem nie gekannten Glücksgefühl durchströmt. Mit einem Ruck riss ich meine Wurzeln frei, nahm mit meinen Armen die beiden Menschen hoch und begann loszulaufen. Ich lief und lief, und strebte dabei nach oben. Die Landschaft raste an mir vorbei. Mir wurde ganz schwindlig. Alles geriet durcheinander. Die Sterne waren plötzlich unter mir, dann war es Tag und dann wieder Nacht, aber den Mond konnte ich nicht erreichen. Ich warf sogar meine Blätter ab, wie ich es mache, wenn der Winter kommt, um Kraft zu sparen. Aber es half nichts. Schließlich musste ich erschöpft und völlig am Ende aufgeben. Als der Rausch vorbei war, stand oder besser lehnte ich, gütig gehalten durch Schwester Fichte und Bruder Felsen, ganz in der Nähe meines lebenslangen Standortes. So, wie Du mich jetzt siehst.
Xaver und Hieronymus schienen es leicht zu nehmen. Sie fanden es sogar romantisch, dass der Mond, das El Dorado, sich dem dreisten Zugriff durch die gierigen Menschen entzog. Sie fanden es gut, dass nicht jeder eitle Wunsch der Menschen sich erfüllen würde und der unerreichbare Zauber des verheißungsvoll goldenen Mondes für immer erhalten blieb.
Aber was wird jetzt aus mir armen elenden Wesen, das ich dem geliebten Xaver doch so gerne seinen sehnlichen Wunsch erfüllt hätte. Werde ich jetzt sterben, schmählich und sinnlos verbrannt, aller Lebenskraft beraubt?“

Ich war tief ergriffen von dem Bericht der Eiche. Seit 200 Jahren ist das arme Wesen nun schon in diesem bedauernswerten Zustand, in den es die Sehnsucht nach dem El Dorado des Menschen gebracht hatte, den es so sehr liebte, dass sein eigenes Wohlergehen zweitrangig war. Alles hatte es für ihn aufgegeben.
Man muss wissen, dass die Figuren aus Bildern nur bis zum Malen ein Bewusstsein haben. Was danach mit ihnen geschehen ist, das wissen sie nicht.
Das, was die Eiche nicht zur Ruhe kommen ließ, war die Frage, ob wohl der Xaver mit Hilfe seines Onkels, des Zauberers, sich um sie kümmern würde. Sie wieder zurück in ein Leben versetzten würde, in dem sie weiter miteinander Zeit verbringen könnten. Oder ob sie, verbrannt bei dem Versuch, nach El Dorado zu gelangen, ihm einfach egal sein würde. Hatte er wenigstens versucht ihr zu helfen? Einen kleinen Versuch unternommen?

Die Eiche tat mir leid. Ich verabschiedete mich von ihr mit dem Versprechen nachzuforschen, ob es irgendwelche Überlieferungen gäbe, die den Fortgang der Geschichte belegen.

Natürlich fand ich keinen Hinweis darauf. Nirgendwo gab es auch nur die Spur eines Anzeichens, dass die wahre Geschichte, die das Bild erzählt, jemandem bekannt wäre.
Die arme Eiche ließ mir keine Ruhe. Ich fuhr wieder nach Dresden, und besuchte sie in dem Bild von Caspar David Friedrich „Zwei Männer in Betrachtung des Mondes“.
Der Baum hatte mich schon ungeduldig und voll Sehnsucht erwartet. Freudestrahlend erzählte ich ihm, dass ich ein Schreiben gefunden hätte, das Xaver über sie, die treue Eiche verfasst hatte:
„Wie sehr bin ich meiner treuen Eiche verbunden, die alles für mich und meinen kleinen allzumenschlichen Wunsch zu opfern bereit gewesen ist. Ich wäre untröstlich gewesen, hätte sie durch meine Torheit ihre Kraft und ihr Leben verloren. Aber dank des großen Zauberers Hieronymus ist es gelungen, meinen Lieblingsbaum, ja mein Lieblingswesen in seine alte Kraft und Schönheit zurückzuverwandeln. Jeden Abend freue ich mich darauf, mich an ihren Stamm zu lehnen und an ihre starken Äste zu schmiegen. Der Mond leuchtet uns mit seinem goldenen Licht. Möge er unerreichbar am Himmel bleiben, ich bleibe bei meiner Eiche!“

Die Eiche war glücklich. Ich konnte in meinem Kopf ihr Lächeln spüren.

Als ich das nächste Mal das Bild von Friedrich in Dresden besuchte, sprach die Eiche nicht mehr mit mir. Sie hatte sich glücklich und in Frieden ganz tief in die Leinwand zurückgezogen.

Eine Frage beschäftigt mich: Es gibt Kopien dieses Bildes von Friedrichs Hand. Eine davon hängt im Metropolitan Museum of Art in New York. Eine Variante des Gemäldes mit dem Titel: „Mann und Frau den Mond betrachtend“ befindet sich in der Berliner Alten Nationalgalerie. Gibt es auch in diesen Bildern eine rastlose Eiche, die auf Erlösung hofft? Meine Reise nach Berlin ist schon geplant. Und: Ich war noch niemals in New York ...


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Pandemie der Ungeimpften

#18 von petias , 25.11.2021 23:44

Wie die "Pandemie der Ungeimpften" unsere Gesellschaft spaltete - Teil 1

Ich saß im Schaukelstuhl vor dem Holzofen und blickte ins Feuer. Auf Radio MDR – Thüringen lief „Rocky Mountain Music" von Eddie Rabbitt. Der Song wurde von einem durchdringenden Klopfen brutal abgebrochen. Ich hasse es, wenn Musikstücke, die ich kenne und mag nicht zu Ende gespielt werden.
Aber das war eine Meldung der Regierung. Vermutlich traf den Moderator keine Schuld.

„Werktags geschluckt, am Sonntag gezuckt!“, krächzte der Zeichentrick- Schluckspecht, der von endlosen Werbespots aus dem Fernsehen jedermensch bekannt war.
„Morgen ist Zucktag. Blos nicht vergessen! Und sie wissen ja, was wirkt, hat auch Nebenwirkungen. Die kleinen Unpässlichkeiten beweisen nur, dass ihr Immunsystem aktiviert wird und sie weiter geschützt sind!“

Ich überlegte mir, wann das wohl alles angefangen haben mochte, und erinnere mich an die Zeit vor recht genau drei Jahren. Im November 2021 war der Spruch von der "Pandemie der Ungeimpften" aufgetaucht und die Diskussion um moralische und gesetzlich verordnete Impfpflicht.

Die Grippe ähnliche Seuche mit manchmal fatalen Lungenentzündungen beschäftigte die Welt schon seit 20 Monaten. Im Sommer 2021 dachten die meisten, es wäre vorbei. Es gab ein paar Impfstoffe und die Zahl derer, die sich hatten impfen lassen lag bei 70 Prozent. Dazu kamen die 5 Millionen Infizierten, von denen 100 000 gestorben waren. Der Rest hatte die Infektion überstanden und galt als genesen. Die Impfzentren wurden geschlossen, immer mehr Einschränkungen abgeschafft, und die, die noch galten, wie die Maskenpflicht im Supermarkt oder in Bus und Bahn, wurden sehr (nach)lässig gehandhabt und niemand stieß sich daran.

Aber dann, o Überraschung, stieg die Zahl der Infizierten wieder deutlich an. Die vierte Welle schwappte heran. Erst hieß es, das würde nicht mehr dasselbe bedeuten, wie das Jahr zuvor. Bei 70 Prozent Impfquote und 5 Millionen, die die Infektion hinter sich gebracht hatten, wäre das nicht mehr so schlimm.

Aber bald lösten die Krankenhäuser wieder Alarm aus. Die Intensivbetten, die die schwer Erkrankten durch die letzten 3 Infektionswellen geleitet hatten, waren drastisch reduziert worden. Ein guter Teil des Personals, erschöpft von den letzten Wellen und enttäuscht von den nicht eingehaltenen Versprechungen hatte gekündigt, oder arbeitete Teilzeit. Die Betten waren wohl noch da, aber nicht mehr das Personal, sie zu bedienen.

Die Schuldigen waren schnell gefunden. Es waren die 25 Prozent noch Ungeimpften! In allen Medien wurde zur Impfung aufgerufen. Die Infizierten in den Kliniken wären fast alle Ungeimpfte. Sie seien es, die die Kliniken überlasten und das ganze Land womöglich wieder in den Lockdown zwängen. Die Ungeimpften nähmen die Geimpften in Geiselhaft, hieß es.

Aber siehe da, „Impfdurchbrüche“ häuften sich. Als Impfdurchbruch galt, wer sich mit dem Virus ansteckte, obwohl seine letzte Impfung bereits zwei Wochen zurücklag.

Eigentlich hatten es Studien längst gezeigt. Die Impfungen wirkten nur sehr eingeschränkt als Übertragungsschutz. Man konnte das Virus sich weiter einfangen und auch weitergeben. Dafür sank die Wahrscheinlichkeit schwer zu erkranken. Allerdings handelte man sich möglicherweise schwere Nebenwirkungen durch die Impfungen ein. Aber, hieß es unisono in allen Medien: „Der Nutzen ist viel größer als der mögliche Schaden. Lasst euch impfen. Ihr helft damit euch selbst und seid solidarisch mit denen, die sich nicht impfen lassen können."

Ich hatte mich bisher nicht impfen lassen. Erst gab es nur Impftermine für die Risikogruppen. Dann wurden die über 80-Jährigen aufgerufen. Danach kamen die über 70-Jährigen dran.
Ich war damals 69 und noch nicht an der Reihe. Die über 60-Jährigen wurden nicht mehr gesondert aufgerufen. Jetzt durfte sich schon jeder impfen lassen, der wollte. Die Leute liefen den Ärzten und den Impfzentren die Bude ein.

Ich hielt mich da raus. Ich bin ein höflicher Mensch (manchmal). Ich ließ erst mal denen den Vortritt, die es kaum erwarten konnten, eine Spritze in den Arm zu bekommen. Inzwischen war der Sommer angebrochen und die Infektionen gingen zurück. Der Run auf die Impfung ebbte ab. Eine Weile versuchte man die bislang noch Ungeimpften mit kleinen Ködern zu locken. Bei uns in Thüringen bekam man z.B. eine Bratwurst zur Belohnung.

Ein Freund von mir meinte, er würde warten, bis man ihm 1000 Euro böte. Dann, würde auch er sich impfen lassen.

Mir wurde das Ganze zunehmend suspekt. Man versuchte die Impfung anzubieten wie das sprichwörtliche Sauerbier. Aber wer will schon Sauerbier? Ich trinke ja nicht mal unverdorbenes!

Als im November 2021 die Kacke dann wieder so richtig am Dampfen war, wurden die Ungeimpften als die Schuldigen erkannt. Die Zeit der Bratwürste war vorbei. Jetzt wurde die Peitsche ausgepackt!

Alles was Spaß machte, Essen gehen, Tanzen, Kino etc. stand nur noch den Geimpften und den Genesenen offen.

Wovon man auch die Ungeimpften vorerst noch nicht abhalten wollte, wie arbeiten gehen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, bedeutete 3G, also: die Geimpften und die Getesteten durften es einfach, die Ungeimpften brauchten einen tagesaktuellen Test, überwiegend auf deren eigene Kosten.

Dazu gab es Ausgangssperren nur für Ungeimpfte ab 22 Uhr bis 6 Uhr morgens.

Durch diese Motivierungshilfen konnte man zwar nicht die Infektionswelle dämpfen, denn das Virus verbreitete sich einfach lustig unter den Geimpften weiter, aber die rigorosen Maßnahmen fachten die Impfbereitschaft auf eine Weise wieder an, wie es die Bratwürste nie vermocht hatten.

Aber die Impfzentren waren geschlossen und einige Ärzte hatte damit aufgehört zu Impfen. Die Termine waren knapp und bestimmte Impfstoffe auch. Es gab wieder lange Terminlisten.

Ich ließ wieder den anderen den Vortritt. Mich beeinträchtigte diese ganze „Pandemie der Ungeimpften“, wie es in den Medien überall hieß, nicht sonderlich. Seit Ausbruch der Seuche vor 20 Monaten, hatte ich mich daran gewöhnt auf die drei oder vier Events im Jahr, auf die ich normalerweise gegangen bin, zu verzichten. Mein Beitrag an Solidarität zur Eindämmung der Seuche!

Darüber hinaus war es eine unproblematische Selbstverständlichkeit, die 15 Minuten, die mein wöchentlicher Einkauf im örtlichen Supermarkt dauerte, brav eine Schutzmaske zu tragen.

Gut, einmal im Monat fuhr ich mit dem Bus in den Hauptort unserer Gemeinde, um am Geldautomaten Bargeld abzuheben, weil es in meinem kleinen Dorf einen solchen nicht gab. Zurück lief ich die 6 Kilometer durch den Wald. Ein schöner Spaziergang!

Als man im Bus einen Test oder Impfausweis brauchte, musste ich die 6 Kilometer hinlaufen und in der Stadt einen Test machen. Das Geldabheben am Automaten war selbst für Ungeimpfte immer noch erlaubt. Zurück konnte ich dann mit dem Bus fahren, denn jetzt hatte ich ja den Test. Keine allzu große Umstellung.

Als ich durch Zufall durch meine Vorderfrau an der örtlichen Supermarktkasse entdeckte, dass man ab einer Einkaufsumme von 10 Euro bei Bezahlung mit Karte, bis zu 200 Euro Bargeld abheben konnte, sparte ich mir die Fahrten zum Geldautomaten.
Test und Busfahrt waren nicht länger nötig!

Trotz der wieder aufflammenden Impfbereitschaft wurde eine allgemeine Impfpflicht ins Auge gefasst.
Grund: die meisten der jetzt wieder stark nachgefragten Impfungen waren so genannten Boosterimpfungen. Es hatte sich nämlich für alle völlig überaschenderweise herausgestellt, dass die Doppelimpfung, der sich bisher die Impfwilligen unterzogen hatten, nur für ein paar Wochen einen akzeptablen Schutz vor Erkrankung boten. Spätestens nach 6 Monaten war eine eventuelle Wirkung völlig verpufft. Die Geimpften würden ihren Status als solche verlieren, wenn sie sich nicht regelmäßig würden aufs Neue impfen lassen. Dasselbe galt für die Genesenen. Also wurde Impfen zur Dauereinrichtung bei Impfzentren und Ärzten.

Auf die Ungeimpften wurde der Druck erhöht. Die Theorie war, wenn alle sich regelmäßig impfen lassen würden, wären wieder alle frei. Die Einschränkungen, unter denen alle litten, wären vorbei.

In Vorbereitung der zu erwartenden gesetzlichen Impfpflicht suchte ich schon mal nach meinem Impfpass. Ich konnte ihn nirgends finden. Ich nahm es für einen Wink des Schicksals.

Die Impfpflicht kam. Die Strafen für die Impfverweigerung konnten sich nur die wohlhabenderen leisten. Die weniger Betuchten konnten nur klein bei Geben und sich impfen lassen oder rutschten unweigerlich in Armut und Getto ab.

Die Wut vieler Geimpfter auf die Ungeimpften wurde immer größer. Die Neugeimpften waren oft besonders unduldsam. Man kennt das ja: "Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche!"

Neue Mutationen des Virus, ich erinnere mich an eine aus Südafrika, wurden immer aggressiver und tödlicher und die Impfstoffe wirkten immer weniger gut. Dadurch wurde es umso wichtiger, sich in immer kürzeren Abständen impfen zu lassen. Und neue Impfstoffe mussten entwickelt werden, dank der völlig neuen und revolutionären mRNA- Technik dauerte die Anpassung eines Impfstoffes nur wenige Wochen. Die Schuld dafür, dass die Pandemie einfach nicht enden wollte, gab man vor allem den Impfverweigerern.

Bald war es in den Städten kaum mehr möglich mit diesem Makel der mangelnden Impfung und seinen regelmäßigen Aktualisierungen durch Auffrischungsimpfungen zu leben. Man wurde zwar nicht Zwangsgeimpft, aber die Strafen und Restriktionen wurden immer drastischer.
Man durfte nicht mehr selbst zum Einkaufen gehen, sondern es mussten entweder freiwillige oder bezahlte Dienstleister beauftragt werden, für einen einkaufen zu gehen, oder man war auf den Onlinehandel angewiesen.

Allerdings hatten immer weniger Ungeimpfte Geld. Arbeiten zu gehen war fast durchweg nicht mehr gestattet. Die Renten und Sozialzuwendungen wurden für Impfunwillige vierteljährlich um 15 Prozent (jeweils bezogen auf die ursprüngliche Summe) gekürzt.

Leute, die im Angesicht der Not dann doch noch beschlossen, sich impfen zu lassen, mussten feststellen, dass sie beim Arzt mangels positiven Impfstatus nicht vorgelassen wurden. Die Impfzentren hatten mittlerweile wieder geschlossen.

Bei den Ärzten bekamen deren Patienten Medikamente zur Unterstützung der Impfung verschrieben, die zudem die Nebenwirkungen und sonstige Begleiterscheinung abmildern sollten. Den Piks konnten die Patienten selbst durchführen mit Hilfe eines Impfautomaten, der in den Apotheken gegen Rezept kostenlos erhältlich war.

Die Impfausweise und Impfnachweis- Apps waren inzwischen abgeschafft worden. Man hatte sie so massenhaft gefälscht, dass sie praktisch wertlos geworden waren.

An deren Stelle trat ein Scanner, der die wöchentliche Aktualität des Impfschutzes durch mit der Impfung verabreichte Partikel erkennen konnte.

Die Notwendigkeit seine Medikamente täglich einzunehmen und sich wöchentlich zu Impfen war so dringend, eine Unterlassung so gefährlich, dass es fast stündlich entsprechende Jingles und Spots in allen Medien gab.

Am bekanntesten war der Spot mit dem Schluckspecht, der mit einem Schluck Flüssigkeit seine tägliche Pille schluckte und immer sonntags den Impfautomaten unter seinem Flügel ansetze, um sich den Impfstoff mittels einer durch Druck ausgelösten Nadel zu verabreichen. Dabei zuckte er kurz erschrocken zusammen, um dann ein ganz verklärtes Gesicht zu machen, wie ein Junkie, der sich einen Schuss setzt.

„Werktags geschluckt, am Sonntag gezuckt!“, verkündete er fröhlich.


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Pandemie der Ungeimpften

#19 von petias , 27.11.2021 11:44

Wie die "Pandemie der Ungeimpften" unsere Gesellschaft spaltete - Teil 2

Der aufdringliche Schluckspecht hatte die gemütliche Stimmung mit Musik im Schaukelstuhl vor dem Kaminofen gründlich zerstört. Egal, es war ohnehin Zeit, meinen täglichen Gang zum Tauschmarkt zu machen. Ich packte den Handwagen voll mit einigen Lebensmitteln, die auf dem Lichthügel über das hinaus gewachsen waren, was seine mittlerweile 5 Bewohner zum Essen brauchten: ein paar Köpfe Weißkraut und Blaukraut, einige Kohlrabi, einige Steckrüben dazu ein paar Rote Beete und Karotten, und einen kleinen Sack Kartoffeln und eine Schüssel voll mit Topinambur- Knollen.

Mittlerweile beherrschte ich die Technik einigermaßen, mit dem Handwagen den steilen Berg hinunter ins Dorf zu bewältigen, ohne dass der mich von hinten umstieß, sich selbstständig machte oder umkippte, was alles schon passiert war. Der Weg zur ehemaligen Dorfschule ging bis auf die letzten 30 Meter ständig bergab. Auch in der Hinsicht hatten wir vom Lichthügel es gut getroffen. Der volle Wagen lief leicht gebremst und geschickt dirigiert ohne große Kraftanstrengung den Berg hinunter. War er leer, war der Rückweg kein Problem. Aber manchmal war das eingetauschte Gut schwerer als das Gemüse, dann musste man zu zweit sein, um die Last hinaufziehen zu können.

In der „neuen“ Schule war der Unterricht schon vor Jahren eingestellt worden. Nach der Eingemeindung nach Neuhaus hatte man die Kinder in das Schulzentrum dort geschickt. Aber das Dach war dicht, und die Fenster noch heile und es gab genügend Platz. In die alte Zwergschule, aus der Zeit vor der "neuen Schule", war eine Wohngemeinschaft an ungeimpften Vertriebenen aus Jena gezogen.

Ella wohnte in der neuen Schule, die jetzt Tauschmarkt hieß. Als äußerst kontaktfreudige und gesprächige Frau war sie immer ansprechbar und deshalb perfekt geeignet als Zentrale der Zeitbörse. Sie führte die Zeitkonten der Gemeinde. In der Tauschbörse wurden nicht nur Waren getauscht, sondern auch Zeit. Wenn jemand Hilfe brauchte, rief er Ella an oder kam vorbei. Die vermittelte – nach einem ausgedehnten Ratsch versteht sich – aber davon abgesehen im Handumdrehen jemanden der helfen konnte.

Zeitnehmer und Zeitgeber führten viertelstundengenau Buch über die geleistete Arbeitszeit und eben auch Ella und ihre gelegentlichen Vertretungen, so dass es eine Kontrollmöglichkeit im Falle von Meinungsverschiedenheiten gab. Eine Art analoge Blockchain!

Die Qualität der Zeit wurde nicht bewertet. Die Zeit eines Rechtsanwaltes, der einen amtlichen Brief aufsetzte, war genau so viel wert, wie die Zeit eines 14-jährigen Jugendlichen, der behände in den Kirschbaum klettert, um die Kirschen zu pflücken.

Nicht alle nutzten immer diese Zeitkonten. Bestehende Freundeskreise halfen sich auch weiterhin unentgeltlich, bzw. tauchten gegenseitige Hilfe nach Gefühl und Bedürftigkeit. Aber mit alle den neuen Bewohnern aus den Städten, die sich hier im ländlichen Getto der Ungeimpften ansiedelten, war das durchaus eine gute Idee die Arbeitszeit zu dokumentieren.

Die Idee der Tauschbörsen war nicht neu. In vielen Städten gab es solche. Einige waren sehr erfolgreich. In der Regel waren die Mitglieder dieser informellen Börsen der Alternativszene zuzurechnen und taten das nicht aus Not.

Aber unser Tauschmarkt war aus der Not geboren. Die Selbstorganisation einer Randgesellschaft, die fast ohne Geld und staatliche Unterstützung auskommen musste.

Meine Rente zum Beispiel war nach über zwei Jahren, in denen sie alle drei Monate um 15 Prozent gekürzt worden war, mittlerweile auf null gesunken. Nur von der Riesterrente bekam ich noch die gut 100 Euro. Die war, mit einem privaten Anbieter nach staatlichen Regeln abgeschlossen, vom Gesetzgeber nicht reglementiert worden, Die würde ich, Konkurs des Trägers und Umstürze mal außen vorgelassen, erst mit 80 verlieren. Denn ab da würde sich der Vertrag für den privaten Unternehmer nicht mehr rechnen und der Staat spränge vertragsgemäß ein. Also kann ich mit etwas Glück noch 7 Jahre lang mit 100 Euro im Monat rechnen. Damit bin ich besser dran als die meisten hier!

Meine Waren wurde ich schnell los. Jetzt Ende November wurden die Lebensmittel aus den eigenen Gärten schon knapper.

Auch Waren konnte man gegen Zeit eintauschen. Der Gegenwert einer Ware in Zeit war Verhandlungssache. Die Überlegung, wieviel Arbeitszeit mir ein Konsumgut wert war bzw. wie viel es kostete, eröffnete ganz neue Perspektiven.

Die neue Währung bei uns im Dorf war Zeit!

Frau Dr. Kühn, 89 Jahre jung, bot ebenfalls ihre Ware an. In ihrem Fall war das der ärztliche Rat. Sie war schon zu DDR- Zeiten Ärztin im Dorf gewesen und hörte erst mit 84 Jahren gezwungenermaßen auf zu praktizieren, weil schlechtes Sehvermögen und Schwerhörigkeit, unterstützt durch die Ärztekammer, sie dazu zwangen.

Die ärztliche Versorgung, auch vor der Pandemie schon eher prekär, war nicht einfach in den ländlichen Gettos der Ungeimpften. So nach und nach entstand eine Art Dr. Eisenbart – Medizin. Meist waren es ehemalige Heilpraktiker, ein häufig vertretener Stand unter den Ungeimpften, die sich zu einer neuen Kaste der Heiler entwickelten. Ab und an konnte man auch einen echten Schulmediziner finden, meist alteingesessene Hausärzte, die, selbst geimpft oder nicht, es ablehnten aus ihrer Heimat weg zu ziehen.

Aber in neuerer Zeit, mit dem Overkill an Impfungen und Medikationen bei immer neuen Krankheitserregern, die mittlerweile überwiegend die medizinisch Komplettgeschützten zu betreffen schienen, wechselte der eine oder andere Mediziner die Fronten. Viele Ärzte waren eben doch Idealisten tief in sich drinnen. Sind als frisch gebackene Ärzte mit ihrer Bereitschaftstasche hinter Feuerwehrautos und Sanitätsfahrzeugen hergefahren, um zu sehen, ob sie nicht gebraucht würden.

Für Zahnärzte schien das nicht ganz so zuzutreffen. Es entwickelte sich ein Stand der Dentisten, die mithilfe alter verlassener Zahnarztpraxen schmerzende Zähne zogen, einige schaffte es sogar Karies auszubohren und zu plombieren aber mit dem Zahnersatz haperte es. Da brauchte man Mut zur Lücke!

Wir Ungeimpfte hatten ganz ohne Zweifel unseren Blutzoll an Menschenleben an die Pandemie und an die Umstände unseres Lebens zu zahlen. Die Ausgrenzung machte es nicht einfacher. Aber manche Leute ziehen ein sterbliches Leben der Vollkaskomentalität der modernen Gesellschften vor. Und wenn man etwas genauer hinsah, so war deren Leben auch nicht einfacher, sicherer oder gar glücklicher.

Meine Tauschbeute für diesen Tag waren ein paar Scharniere und ein Schloss für eine Tür, die wir in unseren Felsenkeller einbauen wollten. Vorräte, besonders mit fortschreitendem Winter, waren nicht nur auf dem Tauschmarkt begehrt.

Übrigens habe ich neulich meinen Impfpass wiedergefunden. Manchmal hat man Glück! Wäre er nicht zur rechten Zeit verschwunden gewesen, wäre ich heute vielleicht einer der Schluck- und Zuck- Spechte!


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#20 von petias , 14.10.2022 11:23

Schreibwettbewerb Seitenwind Woche 1

"Papyrus Autor", ein kleines Softwarehaus, das ein Schreibprogramm gleichen Namens für Autoren entwickelt und vertreibt, veranstaltet einen Schreibwettbewerb. Beginnend mit Dienstag, den 11.10.2022 wird 10 Wochen lang jeden Dienstag ein neues Thema veröffentlicht, zu dem, wer möchte, einen Beitrag einstellen kann. Die Geschichten und Gedichte können mit einem "Like" versehen werden. Wer die meisten "Likes" bekommt, gewinnt ein Exemplar ihres Programmes. Ich nehme teil. Dies ist mein erster Beitrag.

Weniger als ein „Fuchzgerl“

Einkaufen gehörte zu meinen Pflichten, wie auch das samstägliche Straßenkehren und das allabendliche Milchholen beim Nachbarn. Für die pünktliche Erledigung meiner Aufgaben bekam ich ein „Fuchzgerl“ als wöchentliches Taschengeld von meiner Mutter ausgehändigt. Ich achtete sehr darauf, dass ich mit einer fünfzig Pfennigmünze bezahlt wurde, diesem silbrig glänzenden Geldstück mit der Frau drauf, die einen Baum pflanzte. Das Bild erinnerte mich an die Besuche im Pflanzgarten mit Papa, dem Förster, der den „Kulturfrauen“ mehrmals wöchentlich seine Aufwartung machte.

Aus dieser Zeit – ich bin sicher – stammt meine Faszination für alle käuflich zu erwerbende Dinge, die weniger als ein „Fuchzergel“ kosten, denn die konnte ich mir zu dieser Zeit leisten.
„Du musst auch nicht alles ausgeben“, belehrte mich Papa. „Sparst du bei Zeiten, so hast du in der Not!“
Wenn etwas weniger als ein „Fuchzergel“ kostete, so blieb noch was übrig vom Taschengeld und ich befolgte brav den Rat meines Vaters.

Der kleine Kramladen und die Bäckerei lagen im Unterdorf. Das Forsthaus, in dem ich mit meinen Eltern und meinem Bruder wohnte, lag im Oberdorf. Auch wenn das Dorf recht klein war, 241 Einwohner, ich war noch viel kleiner und der Gang zum Bäcker fühlte sich wie eine Tagesreise an.
Wie gerne wäre ich mit meinem Kinderfahrrad gefahren, aber damit durfte ich nicht den steilen Berg hinunter ins Unterdorf rasen.
„Erste wenn du groß bist und schon mit meinem Radl fahren kannst!“, stellte mir Mama das Ende meiner erzwungenen Fußmärsche in Aussicht.

Unermüdlich hatte ich heimlich geübt. Ich war zu klein, um mich auf den Sattel setzen zu können. Die Füße hätten nicht bis zu den Pedalen gereicht. Aber es gelang mir, im Stehen zu radeln.
Egal, ich betrachtete die Bedingung als erfüllt, und fühlte mich berechtigt fortan zum Einkaufen zu radeln.

Ich liebte es, die Bäckerei zu betreten. Es duftete so gut nach frischem Brot. Die Eingangstür zum Laden brachte eine kleine Glocke zum Bimmeln und es dauerte nicht lange, da erschien der Bäcker mit weißer Schürze im Laden.
Anfangs wunderte ich mich, dass der Bäcker an manchen Tagen freundlich und zum Plaudern aufgelegt war, an anderen dagegen blieb er recht kurz angebunden. Erst einige Zeit später erfuhr ich, dass das nicht ein Bäcker war, sondern zwei verschiedene. Die Dorfbäckerei betrieb ein Zwillingsbruderpaar, die beide das Bäckerhandwerk erlernt hatten.

„Zwei Schleus Semmeln und ein Brot bitte“, bat ich den Bäcker und legte das Geld auf den Tisch, das mir Mama mitgegeben hatte. Ein „Schleus“ ist eine Kette von vier zusammengebackenen Brötchen, das jeweils äußere war abgerundet und hatte eine Nahtstelle zum Nachbarbrötchen, die beiden Mittleren hatten auf jeder Seite eine Nahtstelle. So ein Schleus kostete 25 Pfennige. Das Brot gab es in zwei Sorten ein Längliches und ein Rundes. Das Längliche kostete 75 Pfennige und das größere Runde 90. Welche Sorte Brot musste der Bäcker gar nicht fragen, denn Mama wollte das hellere, weichere Längliche. Mir wäre eigentlich das dunklere „Bauernbrot“ lieber gewesen, denn ich liebte die würzige kräftige Kruste.
„Kannst du nicht mal ein Brot nur aus Kruste backen?“, fragte ich den Gesprächigeren der Zwillinge eines Tages und er lachte.

Ungefähr ein Jahr später eröffnete mir der freundliche Mann bei einem meiner Besuche:
„Aber heute“, so sagte er, „habe ich für dich extra ein Brot gebacken, das fast nur aus Kruste besteht.
„Vinschgerl“ nannte er es.
„Das Rezept stammt aus Österreich“, meine er und brach mir ein Stück von einem Exemplar ab und ließ mich probieren.
Es war ein Fladenbrot, dunkel und würzig, duftete vielversprechend und schmeckte unvergleichlich. Ich bin bis heute ein Vinschgerl Fan, aber ein so gutes, wie das beim „Beck“ habe ich keines mehr gefunden. Es war im Vergleich zu denen, die man heute bekommt recht groß. Von der Masse her lag es zwischen einem Schleus Semmel und einem Brot und kostete 45 Pfennige.

Ab und an leistete ich mir so ein Vinschgerl, das im Rennen um mein Taschengeld ab und an gegenüber Schokolade und Bonbons Sieger blieb.

Jahre später, ich besuchte schon das Internat in Ettal und und war nur noch in den Ferien in Etzgersrieth, war der Preis für das Vinschgerl auf 50 Pfennige gestiegen. Obwohl mein Taschengeld es längst hergeben hätte: Luxusartikel wie Gebäck und Süßigkeiten, mussten bei mir immer noch der Anforderung „weniger als ein Fuchzgerl“ genügen. Das Vinschgerl war also aus dem Rennen!

Genau so ging es der „Leberkassemmel“, die ich Jahre später als Fahrschüler und Gymnasiast in Rosenheim mir gerne gönnte. Als die auf 50 Pfennige stieg, hat mich das sehr erbost. Noch nach Wochen bin ich demonstrativ in die Metzgerei „Buffler“ gegangen und habe gefragt, was denn eine „Leberkassemmel“ kosten würde. Als sie mir den Preis von 50 Pfennig nannten, meinte ich:
„Das ist mir zu teuer!“, und verließ den Laden. Genützt hat es leider nicht!

Als die Euro Umstellung kam und so manches wieder unter ein „Fuchzgerl“ sank, interessierte mich eine „Leberkassemmel“ nicht mehr. Ich war inzwischen Vegetarier geworden. Allerdings war das geliebte Vinschgerl hin und wieder zu dem geforderten Preis zu haben.

Meinen „weniger als ein Fuchzgerl“ – Tick bin ich bis heute treu geblieben, wenn das Eurocent-Fuchzgerl auch nicht mehr die edle Schönheit des Pfennig-Fuchzgerls hat. Aber die Auswahl ist dünn geworden. Beim Nahkauf hier im Dorf in Thüringen, wo ich seit 12 Jahren lebe, muss ich schon Glück haben, dass eine interessante Leckerei auf dem „stark verbilligt“ Tisch landet, weil der Ablauf des Haltbarkeitsdatums unmittelbar bevorsteht. Ein Artikel allerdings ist noch zum regulären Preis erschwinglich. Es gibt eine sehr leckere Haselnuss – Vollmilch Schokolade der Hausmarke „Ja“, die für 49 Cent zu haben ist. Die leiste ich mir noch einmal die Woche und genieße sie dann Stückchen für Stückchen auf der Zunge schmelzend, hin und wieder genüsslich saugend, um die sich verflüssigende Schokolade schneller von den Haselnusssplittern zu trennen, die ich dann mit den Zähnen ganz fein zermahle, bevor ich sie aus dem Mundraum in Richtung Magen entlasse.

Die Frau an der Kasse, die von meinem Tick weiß, erklärt mir dann:
„Lange wird der Preis nicht mehr halten!“, und ich weiß das. Auf dem Zettel für das Saatgut steht schon „Zuckerrüben“. Nachdem dieses Jahr der Poppkorn-Mais gelungen ist, werden auch ein paar Zuckerrüben gedeihen, um einen Ersatz für den kurz bevorstehenden Verlust der letzten kommerziellen Leckerei zu kreieren.

Ein viel größerer Einschnitt steht bevor: noch kostet mich die Kilowattstunde Strom als langjähriger Kunde bei meinem Ökostrom Lieferanten 31,6 Cent. Aber es gibt wenig Hoffnung, dass der Preis über das Jahresende hinaus unter einem „Fuchzgerl“ bleibt. Die Erweiterung meiner Solaranlage ist schon bestellt. Die Planung für den Ausbau des Speichers ist im Gange. Bald werde ich den Bezug des Netzstromes aus dem öffentlichen Netz einstellen. Ein „Fuchzgerl“ ist die Schmerzgrenze!


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#21 von petias , 22.10.2022 23:41

Schreibwettbewerb Seitenwind Woche 2
Die Woche eins des Schreibwettbewerbes (mein Beitrag steht weiter oben) brachte viele, teils lange Texte und Geschichten, die zu lesen eine echte Herausforderung waren. Um diesem Unstand Rechnung zu tragen, ist das Thema der zweiten Woche, den ersten perfekten Satz einer Geschichte oder eines Romans zu Papier zu bringen. Die Teilnehmer sind gehalten, zu raten, welche Art von Geschichte da wohl erzählt werden wird. Es können noch bis Dienstag Texte eingestellt werden, aber ich habe es heute Nacht getan. Und ich hatte das Bedürfnis, mit meinem Beitrag etwas hervorzustechen. Ich vermute zwar, dass ich dafür keinen Preis, sondern bestenfalls einen Shitstorm ernten dürfte, aber das ist mir der Spaß wert. Bisher gibt es schon weit über 1000 Beiträge und Antworten darauf, da dürfte es nicht ganz einfach sein, beachtet zu werden. Ich erzähle euch, wier es gelaufen ist. Für meinen ersten Beitrag habe ich ein "Like" erhalten. Ich habe 9 oder so vergeben.


Der perfekte erste Satz

„Herscht 07769“, heißt das Buch, das aus mehreren Gründen meine Aufmerksamkeit erregte, denn zum einen bestehen seine 402 Seiten aus nur einem einzigen Satz, ja, richtig gelesen, es gibt in diesem Buch nur einen einzigen Punkt, und zwar auf Seite 409 mit dem Ende des Romans, in den zwar ein paar etwas größer und fett gedruckte „Kapitelüberschriften“ mit etwas Platz nach oben und unten in die Halbsatzkaskade eingestreut werden, doch sonst hat das Werk keine Sätze oder Absätze oder direkte Reden nur eine lange Reihe von Halbsätzen getrennt durch Kommas, gelegentlich ein Fragezeichen und oder Ausrufezeichen vor dem Komma eingestreut, wie man es normalerweise bei der direkten Rede macht, und ich stimme dem Text auf der hinteren Umschlagseite zu, der über den ungarischen Autor László Krasznahorkai, ein gefeierter Autor der Gegenwartsliteratur, unter anderen Träger des „International Man Booker Prize“ und, erst 2021, des „Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur“, sagt, dass seine Sätze die Unruhe im Herzen der Literatur wären, was für sich genommen mich vermutlich nicht dazu verleitet hätte, spontan 26 Euro für ein gebundenes Buch auszugeben, aber das Buch spielt in Thüringen in dem Städtchen Kahla Postleitzahl 07768, einem Ort mit alter Porzellanfabrik und einer erschreckend großen Neonaziszene, die mehrere eigene Immobilien bewohnt, oder sich dort trifft, gelegen im Saaletal südlich von Jena, nicht sehr weit vom Lichthügel entfernt, jenem Platz, an dem ich lebe, der seinerseits in dem Ortsteil Lichte der Stadt Neuhaus am Rennweg liegt, in dem es ebenfalls eine Porzellanfabrik gibt, heute stillgelegt, und nicht zuletzt deshalb, wie ich finde, ein idealer Ort, um Schauplatz für die Ereignisse zu sein, über die ich berichten will, wobei, im Buch heißt die Stadt Kana mit der Postleitzahl 07769, vermutlich, um eventuellen Verleumdungsklagen aus dem Wege zu gehen, ein Trick, den ich hier nicht übernehmen möchte, denn ich bin mir sicher, dass meine Mitbewohner, deren Namen ich veränderte, großen Gefallen daran finden werden, Ähnlichkeiten zu ihnen bekannten Personen zu entdecken, die in den zu beschreibenden Ereignissen eine Rolle spielen werden und damit sind wir auch schon mitten in der Geschichte:
Es wurde dunkel in Lichte, obwohl es noch gar nicht Abend war …


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#22 von petias , 31.10.2022 12:49

Schreibwettbewerb Seitenwind Woche 3
Der vermutete Shitstorm anlässlich des Beitrages in Woche zwei wäre zu viel der Ehre gewesen. Ein schüchternes „Like“ war die Ernte. Danke dafür!

In dieser Woche lautet das Thema „Schreib was du siehtst!“ Ich habe mich wieder streng an die Regeln gehalten und mich jeden Kommentares enthalten. Dem Leser wird nur beschrieben, was zu sehen ist. Seine Fantasie wird nicht an die Kette gelegt. Keinerlei Hintergründe aus dem OFF... !

Mein Beitrag, kurz vor dem Ende der Bearbeitungswoche ist der Beitrag 255.

Let me take you by the hand...

Von der Bundesstraße aus war nur buntes Herbstlaub zu sehen. Eine schmale Treppe führte den Hang hinauf, auf der linken Seite begrenzt von einem flachen Backsteingebäude, das zu einem leer stehenden Anwesen gehörte. Rechts lag ein verwilderter Garten, den die Reste eines verfallenden Drahtzaunes von den bewaldeten Nachbargrundstücken trennte. Ein älterer Mann hantierte mit einer Motorsäge. Seine wettergegerbte Glatze blinkte in der Sonne, der kranzförmige Rest seiner Haare und der Bart um Oberlippe und Kinn waren weiß. In seiner Bluejeans klafften Löcher, das rote T-Shirt hatte bessere Tage gesehen.
Ungefähr ein Meter lange Baum- und Aststücke lagen auf einem Haufen, dünne Äste, Blätter und Nadeln auf einem Anderen.
Auf einem Treppenabsatz stand ein Fahrrad, mit einem roten Rucksack auf den Gepäckträger geklemmt. Neben dem Fahrrad lagen ein halb voller Benzinkanister, eine Literflasche Kettenhaftöl und ein Schraubenschlüssel.
Der Mann war auf die verwaiste Säule eines ehemaligen Gartenzaunes geklettert. Er versuchte einen Baum, der neben der Säule, gerade noch innerhalb des Gartens stand, die Motorsäge über seinen Kopf haltend, in etwa vier Metern Höhe abzusägen. Der Grund war offensichtlich. Der Baum, würde auf die Bundesstraße stürzen, würde er wie üblich kurz über dem Boden abgesägt. Der Gipfel aber war kurz und dünn genug, dass man ihn nach innen auf das Grundstück ziehen konnte. Als das abgesägte Stück fiel, verhakte es sich mit dem flachen Backsteingebäude und blieb zwischen Baum und Dach hängen.

Der Mann stieg von der Säule, die Eisen an dem früher die Balken des Gartenzaunes angeschraubt waren als Tritt benutzend. Er stellte die Motorsäge ab und besah sich das Malheur. Dann kletterte er über ein vergittertes Fenster auf das Gebäude und lief das Flachdach entlang auf den verhakten Baumwipfel zu. Das Dach war marode und hatte sich an manchen Stellen schon bedenklich gesenkt. Von der Höhe konnte man in einen Innenhof blicken, der auch an den anderen Seiten von Gebäuden begrenzt wurde. Überall lag Müll, die Gebäude machten einen sehr verwahrlosten Eindruck. Er packte den Wipfel mit beiden Händen und zog ihn das Gebäude entlang nach hinten, so dass er in den Garten fiel, wo er hingehörte.

Gerade wollte der Mann umkehren, als er über sich ein Klopfen hörte. Er blickte nach oben und konnte für einen Augenblick hinter dem Fenster im Dachgiebel des Nachbarhauses ein Gesicht sehen, mit weit aufgerissenen Augen, das mit sich bewegendem Mund lautlos etwas zu rufen schien, das nur „HILFE“ sein konnte. Sekunden später verschwand das Gesicht von der Fensterscheibe.

Der Mann ließ den Blick vom Fenster über den Innenhof schweifen und wieder zurück. Er kletterte über Trümmer und Abfall in den Innenhof und betrat durch eine offene Türe das Haus. Es war dunkel. Mit Hilfe des Handylichtes tastete er sich durch Gerümpel und Müll zur Kellertreppe und begann vorsichtig nach oben zu steigen. Mäuse nahmen überrascht Reißaus. Die Kellertreppe führte in den Flur vor der Haustüre, die verschlossen war. Die Türen der Zimmer standen offen und zeigten unglaubliche Verwahrlosung. Er fand die Treppe nach oben und arbeitete sich über Kisten und Abfall hinweg hinauf ins Obergeschoß. Überall dasselbe Bild der Verwüstung. Es dauerte eine quälend lange Weile, bis er hinter einer Türe den Aufgang zum Dachboden fand. Eimer standen auf der Treppe, voll mit Regenwasser, das durch die Löcher im Dach eingedrungen war. Am Ende des Spitzbodens angekommen, stand er vor einer Tür. Dahinter musste das Zimmer liegen, in dem er das Gesicht am Fenster gesehen hatte. Die Türe ließ sich problemlos öffnen. An der Innenseite war die Klinke abgebrochen. Ein gezackter Alustummel ragte aus dem Schloss. Sein Blick fiel auf ein altes Eisenbett. Die Matratze hatte Löcher und die speckige Decke hing halb auf den verdreckten Fußboden. In der Ecke stand ein Blechkübel, der halb voll trübem Wasser war. Der Geruch legte nahe, dass er als Toilette gedient hatte. Leere Weinflaschen lagen auf dem Boden und einige leere Tüten des lokalen Bäckers. Ein leises Stöhnen rief den Mann zur Rückseite des Bettes, das ca. einen Meter vom Fenster entfernt stand. Zwischen Bett und Wand lag ein Bündel Lumpen auf dem Boden, aus dem ein Kopf ragte. Das Kopftuch war verrutscht und zeigte weiße Haarsträhnen. Die Augen waren geschlossen. Der Mann nahm die Decke vom Bett und schob sie unter den Kopf der alten Frau. Eine Träne kullerte unter ihren Lidern hervor und spülte eine weiße Spur durch den Dreck auf ihrer Haut. Ein Lächeln huschte über ihren Mund, den Blick auf einen schwarzen Zahnstummel freigebend. Dann war sie wieder eingeschlafen.

Der Mann schaltete die Handylampe aus und tippte die 112 in die Tastatur.


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#23 von petias , 06.11.2022 19:07

Schreibwettbewerb Seitenwind Woche 4

Aufgabe:
Schreib einen Dialog, der in zehn Äußerungen seinen Höhepunkt - und sein Ende - erreicht.

Nimm zwei Figuren – das können Figuren sein, die du schon lange kennst oder solche, die du gerade aus der Luft gegriffen hast – und gib jeder von ihnen fünf Gesprächsbeiträge. Versuche, in diesen Zeilen klar werden zu lassen, wie die beiden zueinander stehen, ohne dass sie es aussprechen.



Trauerjahr

„Chef, der Gärtner vom Petersfriedhof in Salzburg hat bestätigt, das Grab geschmückt zu haben, das Doppelzimmer im Hotel Königgut ist gebucht“.

„Danke, Frau Schalmei! Meine Frau ist seit 3 Jahren tot. Ich sollte aufhören, ein Doppelzimmer zu unseren Hochzeitstag in Salzburg zu buchen.“

„Oder damit aufhören allein zu sein!“

„Puh, wer sollte schon einen alten Griesgram wie mich wollen?“

„ICH hätte Sie schon vor Jahren gewollt!“

„Warum haben Sie nichts gesagt?“

„Sie waren verheiratet!“

„Meine Frau ist vor fast drei Jahren gestorben.“

„Sie waren in Trauer“.

„Frau Schalmei, Gabi ...“


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#24 von Gast , 07.11.2022 10:55

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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#25 von petias , 15.11.2022 09:09

Schreibwettbewerb Seitenwind Woche 5
Aufgabe:
Jemand stirbt oder verschwindet spurlos, muss fliehen oder zieht ins Altersheim. Früher oder später dringt jemand Neues in den verlassenen Raum vor. Eine Freundin, ein Erbe, ein Fremder, irgendwann vielleicht eine Archäologin.

Beschreibe ein verlassenes Haus oder eine verlassene Wohnung. Zeig deinen Lesern anhand der Dinge darin, was das für ein Mensch war, der hier gelebt hat.

Villa mit viel Grund

Der Mann war höchstens Anfang dreißig. Er verließ zusammen mit einem 20 Jahre älteren Mann das Haus des Notars. Der Jüngere überreichte dem Älteren einen Umschlag. Sie schüttelten sich die Hand. Ihre Wege trennten sich. Der jüngere Mann, nennen wir ihn S., fand seinen Wagen, ein älteres BMW – Modell, und verließ die kleine Stadt.
Er hatte gerade ein Haus gekauft. „Villa mit viel Grund“ stand in der Anzeige. Der Preis war, selten genug, noch in dem Bereich seiner Möglichkeiten.
Der Besitzer war vor fast zwei Jahren verstorben. Die Kinder, die in den Niederlanden lebten, schlugen das Erbe aus. Ein Nachlassverwalter kümmerte sich um die Auflösung des Besitzes des Toten.
Das Haus befand sich am Rand einer kleinen Ortschaft, längst eingemeindet in die benachbarte Kleinstadt. Die Ortschaft lag in Thüringen, nahe der Grenze zu Bayern. Vor 100 Jahren galt die Villa des ortsansässigen Fabrikanten als die erste Adresse am Platz. Badezimmer und Wassertoilette im Haus, damals noch eine Seltenheit, massiver Stein statt Holzständerbau, ein schmiedeeiserner Gartenzaun zwischen massiven Steinsäulen, ein steinerner Löwe zierte den breiten Treppenaufgang zur wuchtigen Haustüre kennzeichneten ein Herrenhaus.

Heute war davon nicht mehr allzu viel übrig geblieben. Das Dach hatte Löcher, provisorisch gestopft und doch nicht dicht. Die geschmiedeten Zaunfelder waren abgebaut. Eine der massiven Gartenzaunsäulen war von einem dicht daneben wachsenden Ahorn abgebrochen worden. Der Löwe hatte Moos angesetzt und von der massiven Eingangstüre blätterte die Farbe.

Ein Baugerüst, die Bretter bereits morsch, das Gestänge verbogen, hielt sich gerade noch so an der Straßenfront der Villa aufrecht. Der „Holländer“, wie ihn die Nachbarn nannten, wollte Dach und Fassade sanieren und Letztere mit Stuckarbeiten verzieren. Er ist nicht mehr dazu gekommen.
Im Hof rund um das Haus lagen zwei Autowracks. In der verschossenen Garage durfte ein weiteres Fahrzeug vermutet werden. Der Vermögensverwalter hatte keinen Schlüssel gefunden und sich nicht die Mühe gemacht, das Tor aufbrechen zu lassen.
Im Garten hinter dem Haus stand ein älteres Wohnmobil. Mit dem war der „Holländer“ einst zusammen mit seiner russischen Freundin hier angekommen. Ob man das wieder zum Laufen bringen würde?

Wo genau die Grenze des ca. 4000m² großen Grundstückes verlief, wusste der Vermögensverwalter auch nicht. Der Übergang zu den angrenzenden Wiesen wurde nicht durch einen Zaun markiert.

Zum ersten Mal betrat S. sein neues Haus ohne Begleitung durch Vermögensverwalter und Nachbarn. Der „Holländer“ hatte sich viel vorgenommen. Das Innere des Hauses war eine Mischung aus Baustelle, Müllhalde und Wohnung. Die Heizung schien ein Problem gewesen zu sein. Schwere gusseiserne Heizkörper einer alten Schwerkraftheizung waren ohne Funktion, die Rohre verrostet und an manchen Stellen gebrochen. Es standen elektrische Heizkörper überall zwischen dem Gerümpel, provisorisch über Stromkabel über das Treppenhaus mit dem bereits neuen Sicherungskasten im Keller verbunden. Die Wasserzufuhr war abgesperrt. Ein Nachbar hatte nach dem Frostschaden im Winter so Schlimmeres verhindert.
Im Wohnzimmer im ersten Stock stand ein eiserner Kaminofen vor einem zugemauertem, früher offenem Kamin. Ein großer Flachbildfernseher stand vor dem mit drei Fenstern bestückten Erker, ein bequemer Fernsehsessel war neben dem Ofen aufgestellt mit Blickrichtung zum Fernsehapparat. Auf dem antiken Tisch standen eine halb volle Whiskyflasche und eine Schale Erdnüsse. Der Wohnzimmerschrank dürfte einiges Wert sein, dachte S. Im Bücherregal fanden sich Werke in holländischer und russischer Sprache. Meist ging es um Autos und Aktfotos.

In der Küche fand S. eine große Menge energiereicher Sondennahrung. Der gelernte Altenpfleger wusste gleich: Der Holländer war schwer krank gewesen. Die Nachbarn erzählten, dass er das letzte halbe Jahr nicht mehr auf die Straße gegangen war. Was er brauchte, bestellte er sich im Internet und ließ es vor die Türe legen. Über Nacht waren die Pakete dann verschwunden. Der Holländer hatte sie ins Haus geholt. Gestohlen wurde nicht in dem kleinen Dorf, wo jeder jeden kannte.
Die russische Freundin hatte ca. ein dreiviertel Jahr vor dem Tod des Holländers diesen verlassen. Die versprochene Sanierung des Hauses machte nicht die gewünschten Fortschritte, hieß es.

Im Büro des Holländers standen noch Laptop und Drucker. Die Telefonleitung für den Internetanschluss führte außen an der Hausmauer entlang und kam durch ein Loch im Fensterrahmen ins Innere des Büros. Die Decke wies feuchte Stellen auf, von dem Wasser, das durch das undichte Dach gesickert war.
S. nahm die Bilder von der Wand. Sie zeigten den Holländer noch jung, mit seiner Familie. Die Frau im Wochenbett, der stolze Vater den Erstgeborenen auf dem Arm. Drei Kinder hatte das Paar bekommen, wie die Fotos dokumentieren. S. legte sie in eine Kiste und wollte später entscheiden, was damit geschehen sollte. Warum musste er diesen Job machen. Wo waren seine Kinder, die das Erbe ausgeschlagen hatten. Nein, die Frage war doch. Warum haben nicht die Kinder sich um die persönlichen Sachen ihres verstorbenen Vaters gekümmert. Warum musste der Mann schwer krank und einsam sterben?


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#26 von petias , 17.11.2022 14:28

Schreibwettbewerb Seitenwind Woche 6

Thema: Kannst du die Zeit anhalten?
Aufgabe:
Wenn du es willst, vergehen Jahrhunderte in einem Wimpernschlag, Sekunden dehnen sich über Seiten.

Verlangsame die Zeit und erzähle einen Moment, der das Leben deiner Figur verändert hat. Ihren ersten Kuss. Einen Autounfall. Ihr Versagen bei der Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule.

Raffe die Zeit. Lass deine Leser wissen, dass seit diesem Ereignis Monate, Jahre, Jahrzehnte vergangen sind.

Dann erzähle von der Gegenwart deiner Figur.


Seelenwanderung

Ich band meinen Appaloosa an der Anbindestange vor dem Saloon fest. Nigger Bill humpelte auf mich zu, wie immer sein böses Bein nachschleppend und zeigte mir breit grinsend seine riesigen Zähne. Ich warf ihm einen Quarter (Dollar) zu, den er geschickt auffing.
„Für deinen Liebling nur das Beste, Massa“, versicherte Bill und führte das Tier zum Mietstall.
Mein Blick wanderte von der Straße hoch zum Balkon des Saloon. Freya, meine nordische Göttin winkte mir zu und die Strahlen der Sonne verblassten neben ihrer Schönheit.
Noch gebannt vom Zauber meiner Liebsten wollte ich mich auf den Weg nach oben machen, da öffnete sich die Schwingtür des Saloon und Freyas Bruder Thornton trat mit hochrotem Kopf auf die Veranda, zwei seiner Revolverhelden im Schlepptau.
Mein Blick streifte kurz das Büro des Sheriffs auf der gegenüberliegenden Seite des Saloon, aber es lag noch genau so verwaist da, wie schon vor Wochen, als Sheriff Carter von Rinderdieben erschossen worden war. Niemand schien in seine Fußstapfen treten zu wollen.

„Dachtest, ich wär nicht in der Stadt, du Looser! Was hast du an ""Finger weg von meiner Schwester"" nicht verstanden?“

Die drei Raufbolde drängten mich, Seite an Seite gehend, Hände neben den Revolvern schwebend, deren Griffe aus den Holstern ragten, zurück auf die Straße.

Jack, der Schmied ließ seinen Hammer fallen und verschwand in der Werkstatt. Die Straße war, abgesehen von uns vieren, mit einem Schlag wie ausgestorben. Ganz langsam bewegte sich die eine oder andere Gardine hinter den Fenstern.

„Thornton, nein!“, rief Freya schrill vom Balkon mit blankem Entsetzen in der Stimme. „shut up!“, antwortete der Bruder. „Ich hab dich gewarnt!“

Beim letzten Satz war nicht ganz klar, ob Freya gemeint war oder ich. Die drei Figuren hatten sich mittlerweile in Duellposition mir gegenüber in die Mitte der Straße geschoben.

„Zieh dich nackt aus und verschwinde, dann spare ich mir die Kugel. Sollen deinen Knochen die Coyoten abnagen.“

Seine beiden Begleiter lachten rau und gekünstelt. Der Größere der beiden spuckte in den Sand und fuhr sich dann mit dem Rücken der linken Hand über den Mund. Die Rechte wich nicht von ihrer Position neben dem Revolvergriff.

„Ich blinzelte hoch zu Freya. Sie stand da, mit weit aufgerissenen Augen, eine Hand an die Stirn gepresst und verkörperte das blanke Entsetzen.
Thornton, in der Mitte der drei Rowdys, räusperte sich. Der Spucker, links von ihm, griff, wie auf ein Signal hin, blitzartig nach seiner Waffe.

Meine Gedanken gingen spazieren. Ich sah die blonden Haare in der Gumpe im Fluss in der Sonne blitzen. Sie tauchten ins Wasser und blieben eine Weile unsichtbar. Dann tauchte ein Gesicht aus dem Wasser auf, dessen Mund eine Fontäne in die Höhe spritzte.
„Was dagegen, wenn ich mit plantsche, schöne Nixe?“

Statt einer Antwort schaute sie mich ruhig an. Unsere Blicke vertieften sich ineinander. Worte bedurfte es keiner. Wir hatten in unsere Seelen geschaut und uns sofort wiedererkannt. Ohne den Blick voneinander zu lösen, ließ ich meine Kleider fallen und stieg wie in Trance zu ihr ins Wasser. Wir umarmten uns und versanken in inniger Berührung im kühlen Wasser des Rivers.
Unsere verbunden Gedanken streiften durch die Jahrhunderte.
Immer wieder waren wir uns begegnet. Mal war ich eine Frau und sie ein Mann, mal umgekehrt. Mal betrug unser Altersunterschied nur ein paar Jahre, mal fast ein ganzes Leben. Wir waren Kriegerin, Sklave, Ritter und Burgfräulein, Malerin und Kunstmäzen, Marketenderin und Soldat, Graf und Konkubine, Hexe und Inquisitor, Priester und Nonne.
Aber nie hatten wir mehr als ein paar Momente des Glücks, der Berührung, der Zärtlichkeit, der Ekstase genießen können, diese unglaublichen Empfindungen, zu denen Seelen nicht fähig sind, die das „zeit-, raum- und traumlos Allundeine“ nicht zu gewähren in der Lage ist. Wegen dieser Empfindungen hatte Gott die Materie erschaffen, sie sind der einzige Zweck der Evolution!

Ein Gewehrschuss krachte aus einem Fenster im oberen Stock eines Hauses. Thornton riss seinen Colt aus dem Halfter. Noch bevor der Lauf das Holster komplett verlassen hatte, hatte der Daumen seiner Revolverhand den Hahn gespannt. Der Spucker wurde schräg nach hinten geschleudert. Auf seiner Stirn war ein kreisrundes Loch entstanden. Mein Colt 45 hatte bereits meinen Gürtel verlassen. Die Zielrichtung seines Laufs wanderte von der Brust des Spuckers in Richtung Thornton.

Ich wollte nicht den Bruder von Freya erschießen. Das wäre kein gutes Omen gewesen für unsere Beziehung. Diesmal sollte es doch endlich ein erfülltes und glückliches Leben werden. Ich konnte die Berührung von Freyas zärtlichen Fingern auf meiner Haut spüren.

Ich verzichtete auf den Zeitgewinn, den mir ein Schuss in den Bauch gebracht hätte, und hob den Colt weiter an, bis der Lauf auf die Schulter seiner Schusshand zielte.
Der dritte meiner Widersacher hatte inzwischen seinen Colt aus dem Holster befreit. Der Hahn war noch nicht gespannt. Zeit genug! Meine Kugel drang in Thorntons Schultergelenk ein und drehte ihn mit der Wucht des Einschlags in Richtung Saloon.
Mein Lauf folgte meinen Gedanken zum Kopf des dritten Mannes. Er schein überrascht, als ihm, mitten in seinem Schuss, meine Kugel in sein Gehirn drang. Er war tot, bevor er den Boden berührte. Seine Kugel pfiff knapp an meinem rechten Ohr vorbei.
Thornton feuerte im Zurückprallen von der Wucht meiner Kugel reflexartig zwei Schüsse ab.


Ein Schrei aus Freyas Mund versetzte mich in Panik. Sie stand nicht mehr, wo sie vorher gestanden hatte. Ich lies meine Waffe fallen und stürmte die Treppe zum Obergeschoß des Saloon hinauf. Freya lag auf den Bodenbrettern des Balkons. Blut sickerte ihr in einem dünnen Rinnsal aus dem Mund. Ich kniete mich zu ihr nieder und nahm sie in die Arme, drückte sie sanft an mich. Unserer Seelen verbanden sich. Ich konnte spüren, wie das Leben aus Freyas Körper wich. Auch in diesem Leben war es uns nicht beschert, zusammen zu sein.
Dankbar registrierte ich das Eindringen der Kugel in meinen Hinterkopf.
Ein Leben ohne Freya war nur Zeitverschwendung bei dem Versuch, einen neue Begegnung in neuen Körpern zwischen uns zu arrangieren. Und das war schwierig genug. Nur alle paar Jahrhunderte konnte uns das gelingen. Noch einige Augenblicke konnten wir uns fühlen, genossen wir die Berührung, dann verließen unserer Seelen diese Welt.

Fast zweihundert Jahre später gönnte ich mir einen Badeurlaub am Meer. Meine blonden, leicht rötlich schimmernden Haare hatte ich mir ganz kurz schneiden lassen. Ich legte die Ohrringe ab und schlüpfte in meinen Bikini. Ich winkte meinem Spiegelbild zu, als ich das Badezimmer des Hotels verließ. Ja, bis auf das hauchdünne Polsterchen Fett an den Hüften war ich zufrieden mit mir.

Ich lief den Strand entlang. Auf einem Handtuch in den Dünen lag eine wunderschöne langhaarige Meerjungfrau und ließ die Sonne auf ihren Rücken scheinen. Die Träger ihres pinkfarbenen Bikini-Oberteils hatte sie zum Zwecke nahtloser Bräune geöffnet. Ich bemerkte nicht mal, dass ich stehen geblieben war und sie mit offenem Munde anstarrte. Nur einen ganz kurzen Moment erschrak ich, als sie sich aufsetzte und mich ansah. Mit der einen Hand hielt sie ihr Oberteil mehr recht als schlecht an seinem Platz, mit der anderen reichte sie mir eine Flasche Sonnencreme, blinzelte mich mit einem unglaublichen Lächeln an und forderte mich mit umwerfender Stimme auf: „Na, Beauty, reibst du mir den Rücken ein?“


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#27 von Sukowa , 20.11.2022 12:10

Ich mache auch beim Seitenwind-Schreibwettbewerb mit.

Meine Beiträge:

Woche 1
Sie bereitete sich in ihrer Kochnische ein ärmliches Mahl. Erbsen mochte sie besonders gern. Fleisch konnte sie sich nicht leisten. Oder sie hätte auf ihr tägliches Glas Bier verzichten müssen, um sich hin und wieder einen Schweinebraten kaufen zu können. Doch wozu? Mehr Freude bereiteten ihr die Science-Fiction-Filme, die sie jeden Samstag im ersten Programm zeigten.

In seinem goldenen Anzug aus einem Guss hob er sich kaum von dem Flugobjekt ab, das er soeben verlassen hatte. Kein Antrieb, keine Tragflächen, kein Fahrwerk. Eine Oberfläche, so glatt wie sie von keinem Menschen auf der Welt je zuvor geschliffen worden war. Seinem zwei Meter fünfzig großen Begleiter fehlten Gesicht und Hörorgane, doch vermochte er seine Umgebung in Sekundenschnelle zu scannen.

Die Ziehung der Lottozahlen wollte sie sich anschauen, beim Wort zum Sonntag noch einmal die Erbsen aufwärmen und sie gemütlich bei «Der Tag, an dem die Erde stillstand» aufessen. Der Pfarrer begann in typisch schwülstiger Art. Sie stellte den Herd an, lauschte schläfrig den seligen Worten, vergaß die Erbsen.

Positivanalyse: fehlende Abwehreinheiten. Nirgends lauerten Gefahren durch menschliche Spezies in der Umgebung der Landestelle. Ungehindert machten sie sich auf den Weg in Richtung der Lichter, in deren Nähe sie die Existenzwaben des Homo sapiens vermuteten. Schon bald schmerzten ihre Geh-Einheiten, die nur in den seltensten Fällen zum Einsatz kamen.

Der Geruch von Angebranntem stieg ihr in die Nase. Schlaftrunken sah sie Außerirdische auf dem Weg zu ...
Und auch das Wesen im goldenen Anzug und sein riesiger Begleiter wurden durch den bisher unidentifizierten Geruch angelockt.

Jahre später nahm sie die «Schwarze Erbse», eine Auszeichnung für die Wegbereitung außergalaktischer Völkerverständigung entgegen. Bis zu ihrem Tod zweifelte sie am Verstand der verantwortlichen Politiker.

Woche 2
Noch merkten die Leute auf der Straße nichts von den verwesenden Fingern, die sie seit geraumer Zeit in ihrer Handtasche aufbewahrte.

Woche 3
Der kann bestimmt übers Wasser gehen. Bei der Auferstehung des Fleisches bleibt der liegen. Sprüche wie diese waren keine Seltenheit. Ebenso waren sie unbegründet. Ein Mann, ein Bild. Zumindest in der westlichen Welt.

Da drüben läuft die Inkarnation meines Traumes. Nichtsahnend begibt er sich in Richtung Ufer, blaue Badehose, Haare bis weit unter die Schultern. Ich versuche, mich zu wehren. Es gelingt nicht. Immer wieder muss ich hinsehen. Peinlich, finden meine Freundinnen, aber was soll ich machen?

Es ist wieder Wochenende. Fahrrad raus, weißen Sommerrock an und los. Eine Gruppe Jungs fährt ein paar Meter weiter die Landstraße entlang. Alle sehen gleich aus, kurze Jeansjacken, verwaschene Hosen, weiße Turnschuhe. Aus den Radfahrern vor uns sticht einer heraus. Seine blonde Mähne weht im Wind. Jedes Mädchen würde ihn um solche Haare beneiden. Heute spreche ich ihn an. Das nehme ich mir fest vor. Egal, was passiert.

Übers Wasser gehen könnte er längst nicht mehr. Die Sache mit der Auferstehung hat sich ebenfalls erledigt. Das Bild ist anders, nicht schlechter, doch anders. Die Umstände haben sich verändert, nicht zum Schlechten, doch verändert.
Mein Mann und ich, wir sitzen oft zusammen, bei einem Glas Wein. Niemals vergessen wir die wunderbaren Sommertage am Baggerloch.

Woche 4
«Ist so. Ist so. Was willst du mir damit sagen?»
«Das es ist, wie es ist, was sonst?»
«Ich verlange ein wenig Respekt. Ich habe dir ein Geschenk gemacht und du respektierst es nicht. Wie immer. Herzlichen Dank!»
«Du nervst. Dann schenk mir eben nichts mehr.»
«Sieht so deine Dankbarkeit aus?»
«Soll ich auf den Knien rutschen oder was?»
«Nein! Herrgott nochmal. Kauf dir was Vernünftiges.»
«Bei deinem einfallslosen Geldgeschenk stand eben keine Gebrauchsanweisung bei. Also ist es eben, wie es ist.»
«Du willst mir ernsthaft sagen, dass du das Geld für die Abiturfeier wirklich in eine Tanklackierung investiert hast?»
«Ich will es nicht sagen. Ich sage es. Es ist, wie es ist. Hör’ einfach mal zu.»

Woche 5
Alles alte Klamotten, ein moderiger Geruch, die Garderobe ebenso verschlissen wie der Anorak am Haken. Selbst der Regenschirm in der Ecke hatte schon bessere Tage gesehen. Licht im Abstellraum? Fehlanzeige. Vielleicht war es gut so, denn die Tür ließ sich nur halb öffnen.

«Wegen der roten Flecken an der Wand müssen Sie sich keine Sorgen machen. Das ist nur Soße. Und wegen tapezieren: Sie können das Flürchen ja auch einfach überstreichen.»
«Wie hoch soll die Miete denn sein?»
«Wegen der Miete, na ja. Wenn man die Umstände bedenkt. Wir könnten auch später darüber reden. Wegen der ganzen Umstände, meine ich.»

Ein gepflegtes Badezimmer. Immerhin. Doch selbst hier roch es muffig. Ohne erkennbaren Grund. Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Eine Hälfte des Ehebettes war benutzt, die andere sah aus wie ein Ausstellungsstück im Möbelhaus. Ein Pantoffel lag vor dem Kleiderschrank, der andere fehlte.
«Er hat ihn verloren.»
«Wie bitte?»
«Bei den ganzen Umständen hat er den Pantoffel einfach verloren.»

Auf dem Wohnzimmertisch stapelten sich Briefe, daneben alte Zeitungen, ein Bleistift, zahlreiche Zettel und Unmengen von kleinen, grauen Würmchen, offensichtlich die Reste einer ausgiebigen Radieraktion.

«Darf ich Sie was fragen?»
«Ich hab doch gesagt, wegen der Umstände, dass wir da später drüber reden. Sehen Sie sich doch erst noch die Küche an. Die ist neu, die hat der nicht einmal benutzt. Die wäre auch dabei.»
«Was ist passiert? Es geht doch keiner weg als wäre er zum Einkaufen und kommt dann nie mehr wieder.»
«Sie sagen das so. Zum Arzt ist der gegangen, nicht zum Einkaufen.»
«Und was ist mit seinen Sachen?»
«Die konnte er schlecht mit ins Grab nehmen.»

Woche 6
Ein Auto? Kommt für mich nicht in Frage. Und wenn ich auf der Sitzbank festfriere. Der Weg zur Garage gleicht einem Alptraum. Nur wenige Grad über null, Nieselregen. Jetzt wäre ein Auto doch schön. Den Gedanken verwerfe ich umgehend. Ich muss mir treu bleiben. Sie bewundern mich. Alle. Haben Mitleid, den ganzen Herbst, den ganzen Winter, den Anfang vom Frühling, wenn dieser sich hinzieht.

Nur zehn Kilometer bis zur Arbeit. Ein Katzensprung. Da werde ich das bisschen Frieren aushalten. Schließlich genieße ich ihren Respekt, weil ich hart bin, kein Sensibelchen.
Laut ist anders. Ein dumpfes Geräusch, das ich so noch nie vernommen habe. Wie durch Watte. Die Sitzbank ist weg. Hektik um mich herum. In der Ferne heulen Sirenen. Stimmen. Direkt über mir. Entsetzte Augen starren mich an. Ich friere gar nicht mehr. Jemand meint, ich solle ganz ruhig bleiben. Ich bin ruhig. Jemand schreit. Bin ich das? Ich schreie doch nicht, oder?

Ein Auto? Das kommt für mich auch jetzt nicht Frage. Sie haben Mitleid, wenn sie mich sehen, nicht wegen der unangenehmen Jahreszeiten, bloß wegen der Stümpfe, die da sind, wo früher meine Arme waren.

Ich freue mich schon auf die Aufgabe der Woche 7, die am 22. November in der Papyrus-Autor Community bekanntgegeben wird.

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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#28 von Sukowa , 20.11.2022 12:21

Ich hatte da mal mit einem Text angefangen, eigentlich für einen Wettbewerb. Leider konnte ich nicht mitmachen, weil die Geschichte irgendwie nicht funktioniert hat, ich aber nicht feststellen konnte, woran es genau lag. Vielleicht hat ja jemand Lust, die Geschichte zu Ende zu schreiben. Viel Spaß mit dem Anfang und hoffentlich auch bei der Generierung von Ideen für den weiteren Verlauf.

+++ Es gibt noch keinen Titel +++

Ein verlorener Kampf. Ohne Gräueltaten, ohne Opfer, ohne sichtbaren Schaden. Bis auf das kleine Loch. Dennoch weigere ich mich, den vermeintlichen Sieg des Gegners anzuerkennen. Ich kann und werde nichts dem Schicksal überlassen.

Im letzten Jahr stand ich vor einem ähnlichen Problem. Bis zuletzt verteidigte ich verbissen ein kleines Stück Land, das mein Feind um keinen Preis aufgeben wollte. Gestern sah es aus, als hätte ich den Tyrannen bezwungen. Jetzt weiß ich es besser. Ein vorübergehender Waffenstillstand, offenbar seitens meines Rivalen ab sofort für beendet erklärt. Reine Provokation. Wenn es unbedingt sein muss, fahre ich schweres Geschütz auf. Elende Mistviecher … Das Schüppchen wird vermutlich nicht ausreichen. Am besten greife ich gleich zum Spaten. Nicht, dass ich es fertigbringen würde, eine Wühlmaus zu töten. Ich habe es ausschließlich auf ihren Lebensraum abgesehen, erträume mir einen lochfreien Rasen und ein bisschen Gemüse.

Wenige Minuten. Aus dem Loch wird ein Gang. Nur fünf Zentimeter unter der Erde, zehn, zwölf, etwas tiefer. Eine Kammer. Blumenzwiebeln. Meine! Angenagte Wurzeln. Mich wundert nichts mehr. Doch Aufgeben ist keine Option. Also weiter. Der Gang setzt sich fort. Die Schubkarre muss her. Den Spaten ersetze ich durch eine Schaufel. Ich buddele unermüdlich, stoße auf Hindernisse, kleinere Steine, dickere Brocken, Bauschutt von irgendwann, um dessen Entsorgung sich in den alten Tagen offenbar niemand Gedanken gemacht hat. Schweißperlen auf meiner Stirn, ein Erde-Gesteinsmix auf der Schaufel, Pflanzenreste und sandiger Schutt in der Schubkarre. Ladung um Ladung schaffe ich auf eine mittlerweile kleine Halde neben dem Komposthaufen.

Ich bin platt! Noch ein Loch. Mitten im Gang. Dran bleiben. Weitermachen. Von einer Maus lasse ich mich nicht erschüttern. Der Boden wird fester. Die Schaufel weicht dem Spaten. Ein klares Ziel vor Augen stoße ich mit aller Kraft zu. Etwas Hartes bremst den Buddeleifer schroff aus. Der Schlag hat gesessen. Die Muskeln in meiner Schulter reißen auseinander. Ich übertreibe mal wieder. Dennoch. Schmerzen ohne Ende. Zeit für eine Strategieänderung.

Nach einer kurzen Pause kommt das Schüppchen jetzt doch ins Spiel. Vorsichtig, wie bei der Ausgrabung altrömischer Relikte, lege ich eine Metallplatte frei. Glaube ich jedenfalls. Hier noch ein wenig, dort noch, Bürstchen holen, kehren. Fertig. Fürs Erste ist das Mäuschen vergessen.

Erschlagen von der Buddelei, genervt von dem kleinen Ärgernis, verstört von der Entdeckung, versuche ich, die freigelegte Falltür zu öffnen. Ich bin zu schlapp. Es muss irgendwie gehen. Es geht nicht. Es muss. Meine Neugierde setzt ungeahnte Kräfte frei. Ja. Nein. Mist. Doch. Nein. Ja. Geschafft!

Umgeben von feuchter Erde wage ich mich durch einen ungleichmäßig gezimmerten Holzrahmen, dicke Balken über mir, dünnere Querstreben links und rechts, ein abschüssiger Boden, ausgelegt mit verrotteten Holzplanken, die mit jedem meiner Schritte auseinanderbröseln. Der Ausbau ist niedrig. Gebückt stolpere ich auf steinigem Untergrund weiter in eine zunehmende Dunkelheit bis ich nichts mehr erkennen kann. Am besten kehre ich um. Aufpassen, nicht fallen, nirgendwo anstoßen, vor allem nicht mit dem Kopf. Wie lange bin ich schon unterwegs? Ich meine, mich nur wenige Meter vom Eingang entfernt zu haben. Wenn es wenigstens etwas heller wäre. Es wird doch niemand die Falltür verschlossen haben? Unfug. Draußen dämmert es bestimmt längst. Daher die Dunkelheit. Schließlich habe ich auf der Jagd nach dem unliebsamen Nager einige Zeit herumgewühlt. Außerdem habe ich nichts gehört. Und ich hätte etwas hören müssen, wenn … Atmet da jemand hinter mir? Trommelwirbel lassen meinen Brustkorb erbeben, das Herz steht kurz vor einem Infarkt, fliehe, befiehlt eine innere Stimme, bleib wo du bist, rühr dich keinen Millimeter, Gedanken wirbeln asynchron zum Herz, die Beine gehorchen einer anderen Aufforderung, nutze die Dunkelheit, renn los! Ein harter Schlag auf den Kopf. Die Klappe. Sie ist verschlossen.

Etwas Warmes berührt mich, huscht weg. Die Maus? Im Namen des Allmächtigen. Lass es die Maus gewesen sein.

Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit bleibt das Gartenmagazin heute unangetastet auf dem Nachttisch. Vollkommen verdreckt, mit pelzigen Zähnen und einer dicken Beule am Kopf liege ich im Bett, traue mich nicht mal, kurz zur Toilette zu gehen. Weder jetzt noch in den nächsten Stunden und ganz bestimmt nicht vor Morgengrauen. Wenn das da unten doch nicht die Maus war? Die Vorstellung, ich könnte erneut den Atem eines Unbekannten in meinem Nacken spüren, presst mich an die Matratze.

Im Dunkeln halte ich es nicht mehr aus. Bilde mir die wildesten Sachen ein, knipse die Nachttischlampe an, blättere doch im Gartenmagazin. Seite 20. Eine Kolumne zu einem Wühlmausproblem. Schluss. Weg damit. Licht aus. Schlafen.

Es geht nicht. Der Gang zur Toilette ist unvermeidbar. Sonst muss ich noch heute Nacht die Bettwäsche wechseln und die Matratze trocknen und dazu müsste ich ebenfalls aufstehen. Außerdem ist mein Verhalten vollkommen albern. Nur wegen dieser Maus in einem verborgenen Tunnel.

Toilette, Duschen, Zähne putzen. Fertig. Mit einer Taschenlampe bewaffnet finde ich zur alten Form zurück.

Vergessen ist meine anfängliche Angst. Ich leuchte den Boden ab. Schritt für Schritt nähere ich mich dem Loch. Es raschelt. Da ist sie, starrt mich mit großen Knopfaugen an, um prompt im Dunkeln zu verschwinden. Kein großer Akt. Wie Mäuse eben so sind. Der Gang, die Ausgrabungsstätte, eine verschlossene Falltür. Ich bin mir nahezu sicher, dass sie offen geblieben ist, als ich panikartig ins Haus gestürmt bin. Andererseits … Der Schlag auf den Kopf hat mir möglicherweise außer der Beule eine gestörte Wahrnehmung beschert. Wie dem auch sei. Ich werde der Sache auf den Grund gehen. Vorbei an den Erdhaufen meiner Buddelei, den Gängen, der Kammer. Mit äußerster Mühe gelingt es mir, die Tür anzuheben, um nach wenigen Metern den Ausbau zu betreten. Die gebückte Haltung macht mir zu schaffen, doch dieses Mal will ich vorankommen. Abwechselnd leuchte ich links, dann rechts, auf den Boden und geradeaus und passe dabei höllisch auf, nicht wieder mit dem Kopf anzuschlagen. Der Weg ist beschwerlich, mein Kreuz schmerzt, doch ich reiße mich zusammen. Lehmige Erde über mir. Pfützen auf dem schmalen Pfad. Weiter abwärts. Es wird steiniger, der Ausbau geräumiger, die Taschenlampe immer schwächer. Umkehren scheint die einzig sinnvolle Option zu sein. Zumindest heute Nacht. Morgen nehme ich Ersatzbatterien mit.

Das Geräusch kommt mir allzu bekannt vor. Gräbt da jemand?

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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#29 von petias , 27.11.2022 10:34

Schreibwettbewerb Seitenwind Woche 7

Aufgabe: Ein unangemeldeter Besucher klopft an die Tür des Alchemisten. Einmal, zweimal, ein drittes Mal. Der Alchemist, der sich versehentlich eine Überdosis seines jüngsten Elixirs verpasst hat, öffnet die Tür.

Kreascribum

Der Raum war eine Mischung aus Küche und Labor. Kochplatten, Mixer, Reagenzgläser, diverse Präzisionswaagen, Behältnisse mit Kräutern, diverse Früchte und Gemüse lagen herum.
Ein Mann im weißen Laborkittel, groß gewachsen, seit Tagen unrasiert, hantierte mit den Gerätschaften.

„Erst das Wasser, dann die Säure, sonst geschieht das Ungeheure!“, murmelte der selbsternannte Alchemist, während er den Inhalt diverser Reagenzgläser in einen der Mixer schüttete.

Hieronymus Buchfink unterbrach seine Tätigkeit, um sich einen Smoothie zu bereiten. Er hatte die ganze Nacht durchgearbeitet. Das Kräuterlein, das nur in den Anden wuchs, war schwer zu bekommen, die letzte Lieferung hatte sich um Wochen verspätet.
Dabei ist es ein unverzichtbarer Bestandteil seines Verkaufsschlagers, auf das einige seiner Kunden sehnsüchtig, ja verzweifelt warteten.
Sein wichtigster Abnehmer war der Anbieter eines Fernlehrganges: „Kreatives Schreiben“, der eine hohe Potenzierung seines Elixiers, er nannte es „Kreascribum levis“, mit den monatlichen Lehrbriefen versandte.
Viel spannender waren bekannte Autoren mit Schreibblockade, denen ihr Verlag im Nacken saß. Hier lag die Herausforderung in der richtigen Dosierung: Präzisionsarbeit!

Mit großen, gierigen Schlucken trank Hieronymus das Glas leer, in das er seinen Smoothie aus dem Mixgefäß gegossen hatte.

„Ah, das tut gut!“

Er setzte sich für einen Moment auf einen Stuhl, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und verbarg sein Gesicht mit den Händen. Er war sooo müde.

Als er aufwachte, stand er wie in Trance auf und setzte sich an seinen Computer. Er hatte das unaufschiebbare Bedürfnis zu schreiben. Er schrieb und schrieb, die Finger flogen nur so über die Tasten. Über Stunden hinweg ging das so.

Es klopfte an der Tür. Hieronymus nahm es kaum wahr. Er ignorierte das Geräusch in seinem Hinterkopf.
Es klopfte wieder und wieder, immer lauter, bis es nicht mehr zu ignorieren war. Schlafwandlerisch ging er zur Türe und öffnete sie.

„Herr Buchfink, ich bin Carlo Gebert, der Verleger. Mein Starautor hat eine Schreibblockade …“

Aber der Angesprochene schenkte ihm keine Beachtung. Sofort setzte er sich wieder an seinen Rechner und schrieb.

Der Verleger folgte dem Alchemisten und schaute ihm über die Schultern. Seine Augen weiteten sich mehr und mehr vor Erstaunen …


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen.

#30 von petias , 30.11.2022 09:10

Schreibwettbewerb Seitenwind Woche 8

Aufgabe:
Lassen wir Fakten sprechen!

Wusstest du, dass bis vor 12.000 Jahren auf den griechischen Inseln Elefanten lebten, die dir bis zum Knie gegangen wären?

Schreib einen kurzen Sachtext über eine interessante, skurrile oder poetische Tatsache, die du während der Recherchen für einen Text herausgefunden hast.



Lassen wir Fakten sprechen?
Das Ergebnis soll sein: ein kurzer Sachtext, der eine interessante, skurrile oder poetische Tatsache berichtet.

Gut, aber nicht unkommentiert!

Mäßiges Trinken ist gesünder als gar kein Alkohol

Ist ein viel zitiertes Ergebnis einer wissenschaftlichen Studie.

Was ist schon Wissenschaft? Eine Technik, die Wissen schafft?

Das „WISSEN“ von heute ist der IRRTUM von morgen!

Mit „wissenschaftlichen Studien“ lässt sich alles stützen, jeder sucht sich heraus, was ihm in den Kram passt. Man findet zu jedem Thema etwas. Da gab es eine Studie, die durch alle Medien ging, dass ein gelegentliches Gläschen Wein oder Bier gesünder ist, als gar kein Alkohol. Alkohol in Maßen hieß es, sei besser als gar keiner. Wie gerne haben wir das doch gehört und mit Freuden angewandt.

Später habe ich erfahren, dass die bei der Studie nicht genug Probanden finden konnten, die gar keinen Alkohol trinken (wie viele Nichttrinker gibt es schon?). Und deshalb haben sie auf trockene Alkoholiker zurückgegriffen. Dass alkoholkranke Menschen mehr Gesundheitsprobleme haben, als Leute, die gelegentlich ein Gläschen trinken, leuchtet jedem ein. Aber jede Menge Schlagzeilen und Zitate waren die wissenschaftliche Ente wert.

Jede Woche wird eine neue Sau durchs Dorf getrieben!

Es werden Geschichten geschrieben, die die Welt erklären. Aus den Funden alter Knochen werden Evolutionsgeschichten, wie die von kniehohen Elefanten.

Der Mensch ist kein „Homo sapiens“ sondern ein „Homo narrativus“

Homo narrans (Fisher 1984) oder Homo narrator (Gould 1994) oder Homo narrativus (Ferrand and Weil 2001) sind wohl treffendere Bezeichnungen für den Menschen, als Homo sapiens, der weise Mensch. Sie kennzeichnen den Menschen als das, was ihn viel mehr ausmacht, als seine „Weisheit“ und ihn von anderen Lebewesen unterscheidet. Es ist seine Fähigkeit und sein Bedürfnis Geschichten zu erzählen, Geschichten zu hören und an Geschichten zu glauben.

Also machen wir uns nichts vor, die „auf Fakten basierenden“ Geschichten sind einfach nur ein Genre, wie Liebesromane oder Western.

Gerade darum: Lasst uns gute Geschichten erzählen, die die Menschen weiter bringen ...

Zum Schluss noch so eine Geschichte, diesmal als Rap:

Die Vertreibung aus dem Paradies

Der Sapiens, der dumme Wicht
beachtet Gottes Order nicht.
Vom Erkenntnisbaum ganz unverhohlen,
hat einen Apfel er gestohlen,
verführt von Gattin Sapiensina,
die meint der Apfel schmecke prima.
Er beißt auch herzhaft gleich hinein -
und schon beginnt der Menschheit Pein!
Das Homo- Paar, so weise nicht,
trifft unerbittlich das Gericht,
bevor der Bissen noch geschluckt,
Gottes Blitz vom Himmel zuckt
und hat die beiden kleinen Lichter -
mehr Dummerchen denn Bösewichter -
aus dem Paradies vertrieben,
obwohl sie gerne noch geblieben.

Was bringt den Alten nur so auf?
Äpfel hat’s hier doch zuhauf!
Nur weil man einmal nicht pariert,
er gleich so schrecklich reagiert?
Ist das nicht der Gott der Liebe?
und sind nicht göttlich auch die Triebe,
wie Hunger, Durst und Fleischeslust,
als hätte er das nicht gewusst!
So hat er uns erschaffen
und will uns dafür strafen?

Du dummer, dummer Homo,
ich sag’s nochmal in Slomo,
damit du’s auch kapierst,
er will, dass du parierst,
ohne Wenn und Aber,
ohne groß Palaver,
mach einfach was der Meister will,
dann ist zufrieden er und still.
Um einen Apfel geht’s hier nicht!
Er will, dass deine Sturheit bricht,
du sollst gehorchen brav und stumm,
auch ohne, dass du weißt warum!

Warum soll ich’s nicht wissen?
Ich fühl mich ganz zerrissen!
Ein Vater ist, wer lieb und gut,
alles für seine Kinder tut
und nicht ein wilder Wüterich
bei Kleinigkeiten außer sich.
Wie kann er uns verdammen,
vom Paradis verbannen?
Ich glaub, er ist kein lieber Gott,
ein allzu menschlicher Despot,
der uns verjagt und auch nicht minder,
alle künftigen Enkelkinder.

Es schuf der Mensch den Gott nach seinem Bilde,
zum Nutzen einer selbsternannten Herrschergilde.
Man soll den Märchengott mit seinen grausamen Gesetzen,
mit Vater, Pfaffen, Fürsten, Papst und Königen ersetzen.
Man soll auf deren Wort wie auf die Worte Gottes hören
und streng befolgen alle die nicht immer weisen Lehren.
Zum Lohne wird das Paradies im Himmel uns versprochen,
obwohl der erste Sapiens des güt‘gen Gottes Wort gebrochen.
Was macht die Not, das Leid und selbst das Sterben schon,
dem braven Untertanen winkt der Himmelslohn!
---------------------------------------------------------------------------- Peter Matthias


petias  
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zuletzt bearbeitet 30.11.2022 | Top

   

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