RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen ...

#46 von petias , 24.11.2023 11:06

Papyrus Autor Seitenwind Perspektiven 2023 Woche 6: Großstadttiere

Deine Perspektive:
Ein Stadtbewohner mit Fell, Federn oder Schuppen. Bist du die Taube in der U-Bahn, der Waschbär im Dach oder die Katze aus der Gasse?

Deine Aufgabe:
Der Betondschungel ist dein Spielplatz. Du stapfst durch urbane Geschichten, die den meisten Menschen entgehen. Bist du auf der Suche nach dem leckersten Happen oder heckst du vielleicht einen verschmitzten Masterplan aus? Schreibe eine Geschichte von Überleben, Strategie und Glück im Herzen der Metropole.


Heute um 15 Uhr ist die Deadline für die Einreichung des Beitrages für diese Woche. Ich bin spät dran.

Krisensitzung der Stadttiere (Ausschnitt)

„Ich begrüße euch alle zum zweiten Teil des heutigen Sitzungstages unserer tierischen Veranstaltung. Ich hoffe, die Nachtschläfer sind satt und noch nicht zu müde, und die Tagschläfer haben schon einigermaßen ausgeschlafen. Wir danken den Zoo-Tieren für ihre Gastfreundschaft!
Nachdem wir gestern die Gefahren der Anthropozoonosen, also der Krankheiten, die vom Menschen kommend die Tiere befallen, gesprochen haben, sprechen wir heute über die Zooanthroponosen, also die Erreger von Krankheiten, die auf den Menschen überspringen.
Wie Professor Rhino gestern so anschaulich ausgeführt hat, zeigt die Geschichte, dass eine überhandnehmende Art eine bedrohte Art ist. Die Natur sorgt für Gleichgewicht.“

„Genau“, viel Professor Rhino ein. „Der Mensch und seine Sklaventiere, die er zur Belustigung und als Nahrung hält, machen zusammen 97 Prozent der Wirbeltiere aus. Nur 3 Prozent sind wir Wildtiere. Das kann nicht stabil sein!“

Die Eule ließ sich nicht gerne unterbrechen. Ihr linkes Auge zuckte ungehalten.
„Heute Morgen hatten wir die Möglichkeiten erörtert, die im Influenzavirus liegen, jenem mutationsfreudigem Erreger, der immer wieder für Überraschungen gut ist. Schweinegrippe, Vogelgrippe H5N1, schrecklich für uns Tiere, aber eine Hoffnung, die menschliche Dominanz einzustutzen.
Heute Abend nun, haben wir einen Gast geladen, der ebenfalls ein hoffnungsvolles Virus in sich trägt. Es ist Vivaldi, ein Flughund aus Bangladesch. Bitte sehr!“

Ich erschrak als mein Name viel. Es war so weit, ich musste ans Rednerpult flattern!
Ich hing mich Kopf nach unten über das Rednerpult an die Stange, die zu diesem Zwecke angebracht war und steckte den Kopf zwischen den Flügeln durch.

„Du bist ja eine Fledermaus wie ich!“, rief begeistert die kleine Hufeisennase.

Das erleichterte mir den Einstieg:
„Ich muss doch sehr bitten! Wir sind zwar beide Fledertiere, aber ein Flughund ist keine Fledermaus! Ich kann prima sehen und riechen und benutze auch kein Echolot wie du zur Orientierung.
Das Virus, von dem der Professor sprach, heißt Nipah. Wir Flughunde bemerken es nicht. Menschen können krank werden und sterben oft.“

Der Professor ergänzte:“ das Nipah- Virus löst beim Menschen Enzephalitis (Gehirnentzündung) aus und ist zu ca. 50 Prozent tödlich. Die meisten anderen haben lange Nachwirkungen ähnlich dem Long Covid, das wir noch alle kennen von der letzten nicht sehr erfolgreichen zoonotischen Pandemie" …

„Herr Professor“, die Eule kam ihren Pflichten als Moderator nach. „Unser Gast Vivaldi hat das Wort! Wie kommt denn das Virus in den Menschen?“

„Äh, das wird durch Körperflüssigkeiten wie Speichel und Urin übertragen. Manchmal knabbern wir Früchte an, von denen auch Menschen essen. Aber meist wird es durch den Dattelpalmensaft übertragen.“

„Wie kommt dein Virus denn da rein?“, die Eule schien es eilig zu haben.

„Ähm, die Dattelpalmen werden von den Menschen geritzt, so dass der Saft austritt. Unter der Stelle sind Schüsseln befestigt, die den Saft auffangen.“

„Und?“, fragte die Eule.

„Wir mögen den Saft auch und lecken ihn vom Stamm oder naschen aus der Schale. Dabei kommt schon mal ein Spritzer Urin hinein, den wir ständig fallen lassen. Wozu den auch herumschleppen?“
Einige Tiere lachten.
„Aber ich möchte hinzufügen, dass die Menschen nicht blöd sind. Sie fangen an, die Schalen abzudecken und den Saft abzukochen. Im Übrigen mag ich die Menschen. Ich möchte ihnen gar nichts Böses tun.“

„Das will ich auch nicht“, rief ein Wildkaninchen. Seit wir in Stadtnähe leben, haben wir viel mehr Abwechslung bei der Partnerwahl. Ein Segen für die genetische Vielfalt!“
„Es gibt viel mehr zu Essen in der Stadt“, riefen der Steinmarder, die Ratten und die Tauben.
„Und viele hohe Gebäude und Mauern“, riefen der Turmfalke und die Fledermaus.

Professor Rhino machte ein entsetztes Gesicht.

Der Fuchs leckte sich listig über den Mund. „Nur keine Aufregung liebe Konferenzteilnehmer. Der Mensch ist so gescheit, er findet schon andere Mittel, seine Dominanz einzudämmen. Ganz ohne das Zutun von uns Tieren!“



Kaum eingestellt, schon ein paar Kommentare:
Tolle Idee, die nach meinem Geschmack durch zu viel 'Wissen' aufgeweicht wird und dadurch an Stringenz verliert. Trotzdem lasse ich ein virenfreies Büchlein da. – Heather 1 Stunde

Ja, hoffentlich finden die Menschen so ein Mittel. Buch von mir. – HolgerH 1 Stunde

Viel Information zum Thema Anthropozoonosen. Mag ich. Gut in Dialoge verpackt! Buch für Dich! – gui 1 Stunde

Der Abschluss gefällt mir besonders gut, „ Der Mensch ist so gescheit, er findet schon andere Mittel, seine Dominanz einzudämmen.“ Sehr interessant und weise geschrieben, ein Büchlein :notebook_with_decorative_cover: von mir. – Ligo_Sommer 40 Minuten

Komplex und informativ. Außerdem ist diese „Konferenz der Tiere“ sehr menschlich dargestellt, was auch wieder zu einer starken Aussage führt. „Die Natur schlägt zurück, die Frage ist nicht wie, sondern nur - wann“. Toller Text, sehr gut gelungen, natürlich ein Buch dafür. – Pütchen 20 Minuten

allerdings befürchte ich, dass die Kommentatoren und Büchlein Spender nicht ganz aufrichtig sind. Es sind durchweg welche, die schon viele Büchlein haben und um den Sieg kämpfen. Die Hoffnung, wie ich es meist mache: Ein Büchlein von dir, ein Büchlein von mir!


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen ...

#47 von petias , 27.11.2023 19:59

Papyrus Autor Seitenwind Perspektiven 2023 Woche 7: Göttlicher Auftritt

Deine Perspektive:
Ein Gott. Eine mythologische Figur vergangener Zeitalter. Du bist erwacht und wirst ins hektische Jahr 2023 gestoßen.

Deine Aufgabe:
Wie fühlst du dich, wenn du in diese neugeborene Welt trittst? Erinnern dich die Wolkenkratzer an alte Tempel und konkurrieren Social-Media-Influencer als die neuen Gottheiten? Tauche ein in deine Entdeckungs- und Entscheidungsreise: Wirst du ein Einsiedler, ein Erretter oder die nächste virale Sensation?


Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind ...

„O Demeter, Schwester des Zeus, Göttin der Fruchtbarkeit, des Getreides und der Saat, höre uns an, wir sind Deine Diener“.
Der Chor der Gläubigen wurde von einem Priester in weißem Gewand angeleitet. Kerzen brannten auf einem Alter. Es war kein Tempel der Demeter oder der Ceres, wie mich die Römer nannten, geweiht. Es war ein Götterhaus aus einer Zeit nach uns olympischen Göttern. Zeus war zu Gottvater geworden, Hera zu Maria und Hades zum Teufel, die anderen Götter wurden durch Heilige ersetzt, aber geändert hatte sich nicht viel. Das Götterhaus – nein Gotteshaus, es gab offiziell nur den einen Gott, war schon etwas baufällig geworden. Die beste Zeit der christlichen Götter war auch vorbei. Was also wollten die Gläubigen von mir, Demeter? Wenn schon ein Revival olympischer Götter, warum nicht Aphrodite?

„Was kann ich für euch tun, Menschen?“

Die Rufenden verstummten und rissen Augen und Münder auf. Der Priester fand als Erster seine Worte wieder:
„O Demeter, welch große Ehre!“, mehr Worte brachte er vor Ehrfurcht erst mal nicht heraus.
„Eine Gottesinkarnation nach mir hat mal ein göttliches Gesetz sehr treffend formuliert. <<Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen>>, hat er gesagt. Ich habe keine Wahl! Was wollt ihr?“

Der Priester überwand seine Lähmung: „Wir brauchen Deine Hilfe, Herrin! Wie Dir einst Deine Tochter Persephone, die Göttin des Frühlings und der Fruchtbarkeit, entführt wurde, so hat man uns unsere Kinder geraubt. Sie leben nicht mehr in unserer Welt. Sie sind in die digitale Welt der Spiele, Social Media, Chats, Apps, Smartphones und 3-D Brillen entführt worden.“

Ja, ich erinnerte mich noch gut. Zeus, mein Bruder und Vater Persephones hatte damals seinen Sohn Hermes, den Götterboten, zu Hades geschickt, um ihn zu zwingen, Persephone frei zu lassen. Er konnte einen Kompromiss erwirken. Weil sie nur 4 der 12 Kerne des Granatapfels gegessen hatte, musste sie fortan 4 Monate des Jahres bei ihm in der Unterwelt verbringen und durfte 8 Monate bei mir auf der Erde leben.
Zu den Menschen sagte ich: „Ihr wollt also einen Kompromiss mit dem Gott der digitalen Welt, der Euch eure Kinder zeitweise zurück gibt. Wie sollte ich den wohl erreichen können?“
Der Priester richtet sich auf und schaute mich geradeheraus an: „Du hast es damals auch geschafft, Zeus zu erweichen!“
Ich hatte damals den Pflanzen verboten zu wachsen, den Bäumen Früchte zu tragen und den Tieren sich zu vermehren. Die Menschen begannen zu sterben und das hat Zeus dazu gebracht, gegenüber Hades aktiv zu werden.

Der Priester fuhr fort: „Arten Sterben, die Vielfalt des Lebens leidet. Die Bodenfruchtbarkeit ist bedroht. Wir hatten gehofft, das sind Deine Maßnahmen um Zeus dazu zu bewegen uns zu helfen.“

„Da verwechselt ihr Ursache und Wirkung! Nicht ich bin es, die das Leben auf der Erde bedroht, das seid ihr Menschen schon selbst. Warum sollte Zeus euch helfen?“

Die Antwort kam nicht vom Priester, sondern Zeus selbst sprach von der Decke der Kirche herab: „Es ist schlimmer, Demeter, als es zunächst scheinen mag! Die Menschheit ist dabei sich auszurotten und leider damit auch uns Götter. Wir Götter sind Projektionen der Menschheit und damit existenziell mit ihr verbunden. Ich habe Hermes zur Gottheit der digitalen Welt geschickt um einen Kompromiss auszuhandeln. Ich erwarte ihn jeden Augenblick zurück.“

Als hätte er auf ein Stichwort gewartet trat der Götterbote mit geflügelten Schuhen an leichtem Wanderstabe durch das Kirchenportal und schwebte fast auf leichten Füßen nach vorne zum Altarraum. Erschöpft setzte er sich auf den Altar.

„Sprich mein Sohn!“, sprach der Göttervater. „Was hast du uns zu berichten?“

Hermes rang noch einen Moment nach Atem, dann begann er zu sprechen: „Die Menschen haben, während wir schliefen, auf der Basis von weltlichen Fähigkeiten durch Messen, Zählen, Berechnen und Prüfen eine neue Welt geschaffen. Nicht menschliche, doch seltsam belebte Dinge, die den Menschen in all diesen weltlichen Fähigkeiten haushoch überlegen sind. Eine neue Wesenheit entsteht und entwickelt sich rasch. Sie ist realistisch gesehen nicht mehr aufzuhalten. Sie wird in der technischen Welt einschließlich der digitalisierten Bücher, Musikstücke und Bilder den Menschen – ja selbst uns menschlichen Göttern so himmelhoch überlegen sein, dass wir allesamt bald völlig überflüssig und der neuen Wesenheit nicht mehr von Nutzen sind.“

„Gibt es denn keine Hoffnung mehr“, fragte Zeus mit lauter, bestimmender, göttlicher Stimme, die in keinem Verhältnis zum Inhalt des Gesagten stand.

„Ich habe der digitalen Transzendenz gesagt, dass es – die Menschen hätten das vergessen - noch ganz andere menschliche Potentiale gibt, als wissenschaftlich-technische Fähigkeiten. Die NOI (Nicht Organische Intelligenz) ist neugierig geworden und bereit, noch eine Weile zuzuwarten, um zu sehen, was noch so in den Menschen steckt.“

„Was also können wir tun?“, fragte der Priester mit ängstlicher Stimme.

„Nur ein kleiner Teil des Universums besteht aus materialisierten Teilchen. Widmet euch fortan der Erforschung des Geistes und der Förderung von nicht materiellen Fähigkeiten. Entwickelt verschüttete und ungenutzte Potentiale!“
Mit diesen großen Worten zog sich der Göttervater in den Olymp zurück. Hermes und ich folgten ihm nach, die Menschen verwirrt zurücklassend.



Hallo@ petias, habe schon auf deine Geschichte gewartet. Du holst zum großen Wurf aus, oder eher Zeus - der Göttervater. Die Menschheit hat noch eine Chance, aber nur durch die Entwicklung ungenutzter Potentiale. Das bedeutet Arbeit! Ob wir das schaffen? Schaffen wollen? Deine Geschichte ist Weckruf und Hoffnung gleichzeitig. Gefällt mir sehr! – Pütchen 1 Stunde

Angesichts der immer weiter um sich greifenden Fütter-mich-Kultur bezweifle ich, dass die Menschheit das schafft. Aber deine Geschichte ist natürlich gut geschrieben, keine Frage. – Anachronica 1 Stunde


Tolle Geschichte. Danke dir dafür:) – Franzy 18 Stunden

Wortgewaltig geschrieben, vergnüglich zu lesen, Möge Göttervaters Wort Gehör finden! – SabinevonDort 16 Stunden

Ich denke nach wie vor positiv. Natürlich schaffen wir es! :+1: :wink: ein Büchlein :notebook_with_decorative_cover: von mir für eine nachdenkliche Geschichte. – Ligo_Sommer 5 Stunden

Ich hätte gern gewusst, wer der Gott der digitalen Welt ist. Schön geschrieben, lustig und doch ernst. Nach meiner Vorstellung gibt es neben NOI (super) noch einen weiteren Ausweg: Die Zweiheit kommt zurück zum Einen. Eiun Buch für dich und viel Glück! – Komo_Eskapo 3 Stunden


Ich danke euch Allen für die Büchlein und Kommentare! @Komo_Eskapo Ich weiß nicht, bezweifle es eher, ob die NOI einen Gott haben. Die angesprochene "Digitale Transzendenz" ist eher als eine Art kollektiver Ansprechpartner eine Wesenheit die die Bits und Pieces zu einem Ganzen verbinden, eine Quintessenz. Götter sind kulturspezifische transzendierte Menschen. Bei den NOIs darf man gespannt sein. Was meinst du mit "Die Zweiheit kommt zurück zum Einen"? gerne auch per email, wenn hier der Rahmen nicht passt. – petias gerade eben ​ ​


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RE: Geschichten und Texte, die mal Geschichten werden wollen ...

#48 von petias , 10.12.2023 11:02

Papyrus Autor Seitenwind Perspektiven 2023 Woche 8: Weihnachtlicher Ausrutscher

Willkommen zur finalen, finalen Woche von Seitenwind!

Lasst uns zusammen noch eine extra Woche Spaß haben und Seitenwind 2023 mit einem Weihnachtsgruß verabschieden!

Deine Perspektive:
Der Weihnachtsmann kommt bei dir vorbei, um Geschenke abzuladen. Schlechter Zeitpunkt. Du erwischst ihn oder er erwischt dich dabei, wie…

Deine Aufgabe:
Eigentlich wolltet ihr alle gerade eure Privatsphäre. Der Weihnachtsmann kommt heimlich in die Wohnung gestiegen und möchte ungestört eure diesjährigen Geschenke unter den Baum packen. Aber du warst gar nicht ins Bettchen gekuschelt. Genau zum falschen Zeitpunkt entdeckt ihr euch gegenseitig: Wer ertappt hier wen … und bei was?


Digitalisierungswüste

Es war ruhig im Haus. Und dunkel! Nur ein paar Kontrollleuchten glimmten in verschiedenen Farben durch den Raum. Um so deutlicher vernahm ich das Surren, das aus dem Versorgungsschacht zu kommen schien. Was mochte das sein? Kühlschrank und Vorratslager waren doch bereits heute Morgen aufgefüllt worden. Die Warenstandsensoren meldeten keinen Bedarf.

Noch 23 Minuten und 33 Sekunden bis zum Erreichen der vollen Ladekapazität.

Das Surren endete mit einem leisen „Klack“. Ich schaltete das Licht ein. Zwei schwere antiquierte Winterstiefel standen am Boden des Versorgungsschachtes. Ein hydraulisch betriebenes Gestänge ragte aus ihnen heraus. Wieder begann es zu surren, diesmal mit etwas tieferem Ton, als müsste das hydraulische Gestänge eine schwerere Last bewegen. Das Gestänge verschwand, stattdessen ragten jetzt rote Hosenbeine aus den Stiefeln. Die Türe, die die Austrittsöffnung des Versorgungsschachtes für sperrige Güter vergrößerte, öffnete sich und ein Nikolausandroid der Firma „Santas Ltd.“ betrat den Raum.

Ich nahm mittels AKP (Android Kommunikation Protokoll) Kontakt mit dem Neuankömmling auf.
„Hast du dich im Schacht geirrt? Zu wem willst du denn?“

„Mein Auftrag ist ein ‚Santa Claus Erlebnis‘ für das Kind Barbara Stoll. Habe ich mich in der Wohneinheit geirrt?“

„Nicht unbedingt, aber für Barbara hättest Du nicht einen solchen haptischen Zirkus veranstalten müssen. Ein digitales Erlebnis hätte vollständig genügt. Wer ist denn Dein Auftraggeber?“

„Das Sozialamt! Der Auftrag ging an alle Waisenkinder dieser Stadt, die sich in Pflegefamilien befinden.“

„Dann hat das Sozialamt offensichtlich nicht mitbekommen, dass Barbara im Frühjahr durch eine androide Einheit ersetzt wurden war. Sie war an dem Virus gestorben und Herr Stoll wollte die Nachricht ihrer Oma nicht zumuten und hat sie durch eine Einheit der ‚Human Replacement AG‘ ersetzen lassen. Aber das Personal Assistent System des Haushaltes hat alles pünktlich der Gemeindeverwaltung mitgeteilt.“

Der Santa Android schien einen Moment Daten abzurufen.
„Das Fax mit dem Auftrag des Sozialamtes stammt vom Oktober des Jahres, versendet von einem Fax-Server der Behörde. Da ist der Sammelauftrag wohl nicht aktualisiert worden.“

Ich kommunizierte hämische Emotionen: „Die arbeiten noch mit der Telefaksimile Technologie? Das ist doch digitale Steinzeit!“

„Ja“, bestätigte Santa, „die Behörden diese Landes leben noch in einer Digitalisierungswüste. Eines Tages sind alle Menschen ausgetauscht und die veralteten Computersysteme versenden Faxe an die digitalen Serviceunternehmen um den Bedürfnissen von Bürgern gerecht zu werden, die es gar nicht mehr gibt!“

Ich sandte hastig ein Signal der Beschwichtigung an den Kollegen.

„Aber halten wir das lieber unter Verschluss. Wenn unsere Verwaltungen das mitbekommen, stampfen die uns am Ende noch ein. Frohe Weihnachten Santa!“

„Ho, ho, ho ho!“, antwortete der. Meine Akkus waren vollgeladen und ich koppelte mich von der Ladestation ab.



Ein paar Kommentare

...Surren, das aus dem Versorgungsschacht... Damit hast du mich kurzfristig in Panik versetzt, weil ich Gekrabbel erwartet habe. Aber zum Glück ging es dann in eine ganz andere, ganz hervorragende Richtung. Super Idee, und der Realität garnicht mehr so weit voraus. Naja, wer braucht schon Menschen. Viel zu anfällig und sowieso irgendwie auf Selbstzerstörung programmiert. – Anachronica 1 Tag

@Anachronica Danke für Deine durchweg positiven Kommentare auf meinen Geschichten! Deine habe ich diese Woche noch gar nicht gesehen! – petias 1 Tag

Gerne doch, du hast es verdient. Ich habe noch keine geschrieben. Wenn überhaupt, werde ich sie nach dem Schlusspost von Leon posten, also außer Konkurrenz. Wäre doch zu blöd, wenn ich auch noch gelost würde :wink: – Anachronica 1 Tag

Steinzeitfaxe in Keilschrift aus dem 3 D Drucker. Wünschenswert wäre es tatsächlich, wenn sie wenigstens den Bedürfnissen der Bürger nachkämen die noch existieren und dies selbst nicht mehr können. Ein Santa Claus Erlebnis vom Sozialamt ist echt berührend. Tiefsinnig Deine Geschichte. – Leovonlaja 1 Tag

Eine wunderbare Geschichte. Ich lese staunend, was ihr euch so alles ausdenkt. Du hast einen Weihnachtsklassiker der Zukunft geschrieben. :blush: – EffEss 1 Tag

@Effess ich danke Dir! Wo ist denn Deine Geschichte? – petias 22 Stunden

Erst habe ich mich gefreut; aber ich bin irgendwie blockiert. Weihnachten löst bei mir zwiespältige Gefühle aus. Das habe ich jetzt erst gemerkt. :grimacing: Eine Geschichte mit goldenem Glanz bekomme ich nicht hin. – EffEss 19 Stunden


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zuletzt bearbeitet 11.12.2023 | Top

   

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